Zerrissene Wirklichkeit

Es ist ruhig an diesem Montagabend. Die Autos schlafen, die Straßen sind schwarz, die Menschen tonlos. Am Himmel liegt viel dunkelblau, fast zu dunkel, um das Blau erkennen zu können. In meiner Wohnung strahlen mich die Wände kahl an. Dort hinten die leblose Schreibmaschine. Hier vor mir eine vertrocknete Tulpe. Der Bildschirm des Fernsehers schimmert nicht und ruht. Es wirkt friedlich hier, angenehm. So angenehm, dass es mich zerreißt.

Während ich auf der Couch liege und schreibe, merke ich, wie sehr meine Wirklichkeit zerrissen ist. Da ist das Leblose, Ruhige und Einsame, das ich brauche, um schreiben zu können, und da ist das Sprunghafte, Überbordende, das ich brauche, um zu wissen, dass ich das Leben vollends genieße, mit allem was dazu gehört. Ich will raus und die Wirklichkeit so echt und pur und rein erleben. Und ich will einsam sein, will niemanden sehen, will alle Straßen und Menschen und Gebäude ausradieren und im toten Winkel eines Waldes einsam sein und schreiben. Es brodelt, von innen, in mir, tief drinnen, es brodelt und kribbelt und ruft, lass mich raus, lass mich raus in die Welt, lass mich Dinge greifen die es in keinem Video oder Foto je zu sehen gab, lass mich in der Sonne schwimmen und im Meer Luft tanken. Noch mehr Luft, noch mehr Atem, noch mehr in der Wirklichkeit sein, so wie ich sie mir irgendwo nur nicht hier vorstelle, so wie sie sein kann, wenn ich alles ausblende und nur die Hand der Sehnsucht halte. Ist dort nichts zum Halten, ist alles still und ruhig und explodiert in dem Wunsch, nur schreiben zu wollen, in einem Hinterzimmer eines leeren Büros, um zumindest in Worten reisen zu können, in die Welt meiner Gedanken oder inneren Kinder. Hauptsache nicht dort sein, wo ich bin, denn das ist Stillstand.

In der Tulpe löst sich ein tiefrotes Blatt. Ein warmes Standlicht flackert angestrengt in sich hinein. Auf dem Parkettboden trifft sich Staub zum Wegwischen.

Es ist so friedlich hier, und doch neigt sich jede Nuance meiner Wahrnehmung einem Ende entgegen. So wie das Blatt der Tulpe löse ich mich von dem, was mich festhält. So wie bald das Flackern des Standlichts löse ich mich vom Strom, welcher mein Licht bestimmt. So wie der Staub treffe ich mich mit meinen Träumen, und lasse alles zu, das mir widerfahren soll.

Nur in Gedanken. Nur in Gedanken.


 

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6 Kommentare zu „Zerrissene Wirklichkeit

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  1. „There’s a dark cloud rising from the desert floor
    I packed my bags and I’m heading straight into the storm
    Gonna be a twister to blow everything down
    That ain’t got the faith to stand its ground“ (Springsteen, The Promissed Land)

    …klar, das Thema mit den zwei Welten ist natuerlich abendfuellend… …nee… …eigentlich lebensfuellend… ….und das ist auch gut so, weil die Kaempfe die dort ausgetragen werden im Grunde eigentlich dazu fuehren, dass das Feuer nicht ausgeht… …und man selbst mit jedem Schritt ein bischen mehr Frieden mit ihnen schliesst… …ohne das die Flammen erloeschen muessen.

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    1. Ein schönes Zitat… und ja, du hast damit so recht, und es ist ein schöner Gedanke, dass mich diese Kämpfe atmen lassen.. nur der Frieden, ich bin mir nicht sicher, ob ich damit auf dem richtigen Weg bin 🙂

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  2. Hmm 🤔 natürlich schwer zu sagen… …aber Frieden ist bei mir auch oft was, was sich als Resultat oder Zustand zwischen den Kämpfen einstellt. …zu merken, dass man vor lauter Suchen das Finden vergessen hat… …und dann plötzlich doch was findet… ..ist irgendwie auch ne Art Frieden.

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