Die Havasu Falls im Grand Canyon | ein Roadtrip durch die USA

Alter, sagte sie lässig aber beängstigt und blickte den steilen Hang hinab. Damit hatte sie nicht gerechnet. Wir müssen doch tatsächlich erst einmal vom Plateau des Grand Canyon zum Antiplateau runtersteigen, sprich, von gut dreihundert Meter auf den Boden des Wanderweges. Das ist nur am Anfang so steil, sagte ich voller Optimismus. Behutsam, ja fast zärtlich stiefelte sie in den Canyon bergab, ihre neuen Wanderschuhe streichelten den Kies, mit der flachen Hand glitt sie an der mächtigen Wand entlang. Ein schöner Anblick.

Mit der Steinwand zur einen Seite, die Schlucht, hunderte Meter tief, zur anderen Seite, empfand ich die ersten Meter des Wanderweges schon grandios aufregend. Wobei ich finde, Wanderweg hört sich immer so gemütlich an, irgendwie einladend und herzlich. Da es das nicht war, nenne ich es nur noch der Havasu Trail. Brutal, oder? Zugegeben, so brutal waren die ersten Kilometer nicht, nachdem wir den steilen Abstieg hinter uns hatten und relativ entspannt die erste Gatorade leerten. Ein paar Pferde kamen uns entgegen, das ein oder andere musste sogar einen Touristen tragen. Diese Lümmel. Lassen sich einfach von einem Pferd durch den Grand Canyon kutschieren. Was für die Touristen entspannt aussah, war für die Pferde ein echter Kampf. Wenn man wenigstens die Pferde dafür bezahlen könnte, aber nein, die 220€ fürs Reiten zu den Havasu Falls (pro Strecke!) steckt sich der Indianer in die Tasche.

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Zu reiten kam für uns nicht in Frage, dennoch sollte in den nächsten fünf Stunden durchaus die Sehnsucht nach einem eigenen Pferd aufkommen. Wir liefen und liefen und liefen immer tiefer in den Grand Canyon hinein, während die Steinwände zu beiden Seiten immer höher wurden und uns das Gefühl gaben, wir wären in einer anderen Welt, abgeschnitten von allem Gewohnten, das ich eh nicht mag. Es war einfach der Wahnsinn, da durch zu laufen, etwas komplett anderes, als von einer Aussichtsplattform die unendlichen Schluchten von oben zu betrachten.

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Der Rucksack schnürte sich in die Schultern. Die Hitze brannte auf den Armen und im Nacken. Staub wirbelte auf und erschwerte das Atmen. Oh, ich fühlte mich so gut. Das ist genau mein Ding!, rief ich meiner Freundin zu, die einige Meter hinter mir vollkommen fokussiert der Anstrengung widerstrebte. Meins auch!, rief sie leicht gequält zurück. Letzte Etappe jetzt!, rief ich noch einmal und ballte die Siegerfaust. Dann kam uns ein Ehepaar mittleren Alters entgegen. Ist es noch weit?, fragte ich sie. Ich war mir sicher, dass wir gleich da sein müssten. Ja, sagten sie, die Hälfte habt ihr geschafft.

Zwei Stunden später

Zwei Stunden, vier Gatorade, acht Wasser und dreizehn Protein-Riegel später kamen wir an eine Abzweigung. Almost there, sagte uns ein Schild und wies uns in die richtige Richtung. Die Gegend wurde grüner, unendlich grüne Bäume zwischen leuchtend roten Felsbrocken, umgeben von der Wucht beigebrauner Steinwände. Es war perfekt.

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Nach dem Schild waren es weitere vierzig Minuten, ehe wir endlich das Indianerreservat erreichten. Zu allen vier Seiten thronten die Felsen wie Götter über das Dorf Havasupai. Es ist schwer vorstellbar, aber hier, in dieser Abgeschiedenheit, leben tatsächlich einige hundert Native Americans, Indianer wie sie im Buche stehen, mit Pferden, frei herumlaufenden Hunden und nunja, einem Supermarkt und Satellitenempfang. Freundlicherweise haben die Ureinwohner im Zuge des aufkeimenden Tourismus auch eine Lodge gebaut, die Havasupai Lodge. Unsere Unterkunft, da der Campingplatz schon ausgebucht war. Es glich sowieso einem Lottogewinn, drei Monate zuvor überhaupt jemanden am anderen Ende des Telefons für eine Reservierung erreicht zu haben; über einhundert Male rief ich an, bis ich in völliger Ekstase doch noch durchkam.

It is nearly impossible to get a permit to the Havasu Falls. (Link)

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Die Havasupai Lodge mit WLAN und King Size Betten. Sind nur 16 Km zu Fuß dorthin.

Aber wo sind denn jetzt die Wasserfälle? Da entlang, nuschelte der Stammeshäuptling/Rezeptionist. Da entlang hieß so viel wie noch einmal fünfundvierzig Minuten latschen. Die Strecke zog sich echt unfassbar, man konnte es vielleicht mit dem Hungergefühl in der dritten Klasse vergleichen, wenn man sein Pausenbrot zu Hause hat liegen lassen und sich nach der Schule als abgemagerte Ratte nach Hause schleppte. Vergleiche kann ich.

Ohh, hörst du das? Das Geräusch eines Wasserlaufs erklang wie eine Klaviermelodie. Letzte Etappe!, rief ich aus Jux, weil ich das bestimmt schon zum siebten Mal an diesem Tag des Laufens sagte. Aber dieses Mal war es kein Scherz. Nur noch hier um die Ecke, den Abgrund herunter. Und dann waren sie da. Auf halber Höhe des Abstiegs konnten wir sie sehen. Die Havasu Falls. Scheiße, wir hatten es geschafft. Gänsehaut.

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Ein feuchtes Etwas überzog meine Augen, wie immer wenn ich wusste, einen meiner Träume verwirklicht zu haben, oder wenn mir ein Traum in genau demselben Moment erst bewusst wird, indem er in Erfüllung geht. Vor zwei Jahren per Zufall auf einem Blog entdeckt, diesen Ort, er soll so magisch sein, und mein rationales Inneres sagte mir damals, irgendwann wirst du dort sein, schreib es dir auf deine Bucketlist, während jedes Gefühl in mir gegen das Irgendwann ankämpfte, ich wollte jetzt dorthin, jetzt und nicht irgendwann. Jetzt war irrational, dafür flog ich nach Norwegen auf die Lofoten, aber dass es nur zwei Jahre dauern würde überraschte mich in gewisser Weise, weil das Irrationale seiner Träume im Alltag einer Gesellschaft wie dieser immer wieder vor Augen geführt wird, sei es ein spezifischer Traum vom Reisen oder das Erfüllen seiner Berufung (wartet mal ab, mein Buch kommt noch, zwar nicht jetzt, aber gleich). Ich mache das Spielchen nicht mit. Ich mache alles möglich, ja verdammt nochmal, mit mir ist alles möglich.

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Mit dir ist alles möglich, flüsterte sie mir zu. Auch sie war gefangen von dem Anblick und der bis vor kurzem noch unmöglichen Vorstellung, einmal an diesem Ort sein zu können. Wir stiegen die letzten Meter bergab, umkurvten den Hang und stellten uns wie zwei Berufsfotografen vor den 33 Meter hohen Wasserfall. Dezent sprühte der Wind uns die Wassertropfen ins Gesicht. Der Aufprall der Wassermassen war laut und heftig. Das Wasser selbst funkelte türkis, blaugrün, rein.

Ihre Augen leuchteten. Das Rosa auf den Wangen schäumte vor Glück. Eine Strähne fiel ihr ins Gesicht, es war ihr egal, sie schloss die Augen, legte den Kopf in den Nacken und da!, dieses unvergleichliche Grinsen, so wie sie es tat, wenn sie unendlich zufrieden und glücklich war.

Perfekt, einfach perfekt.

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Es war schon spät am Nachmittag, fast Abend, die Sonne versteckte sich hinter den Canyonspitzen. Wir wateten durch das Wasser, der Grund war übersät mit kantigen Mineralablagerungen und abgebrochenen Steinecken, natürlich hatten wir keine Wasserschuhe, daran hatten wir nicht gedacht. Während ich gegen jeden Stein stoß und einige Zehenspitzen ihr Abschiedslied sangen, wurde es leerer um uns herum, vielleicht waren es zwanzig Touristen, die bei unserer Ankunft dort waren, jetzt waren wir fast die einzigen. Auch wenn ich selbst ein Tourist bin, so fühle ich mich befreit, wenn kein anderer da ist, und eingeengt, unfrei, wenn ganz viele auf einmal da sind. Das Besondere und Individuelle verliert in der Touristenmasse seinen Reiz. Also wollte ich keinen Gedanken daran verschwenden, dass dieser Ort innerhalb einer Woche für das ganze Jahr ausgebucht wurde. Ich war hier, mit ihr, und es zählte nur das, was wir sahen. Rote Steinformen, ein malerischer Wasserfall, dort hinten läuft der Fluss durch den Grand Canyon, und uns.

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Über allem stand jedoch diese eine Frage, immerhin war es das erste richtige Mal, dass ich nicht alleine reiste: Wäre es schöner, wenn ich jetzt alleine hier stünde? So wie damals in Norwegen auf dem Gipfel? Wo die Einsamkeit mir so viel gab. War es jetzt ein anderes Gefühl?

Ja. Es war ein anderes Gefühl. Es war besser.

Wir machten uns auf dem Rückweg zur Lodge, fielen wie Steine mit einem fetten Lächeln auf den Lippen in den Schlaf, wir wussten, morgen haben wir den ganzen Tag Zeit, diesen Ort zu entdecken. Die Havasu Falls waren ja nicht die einzigen Wasserfälle hier…

19 Kommentare zu „Die Havasu Falls im Grand Canyon | ein Roadtrip durch die USA

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  1. ❤❤❤ phuu. da fühlen sich meine reiseberichte gradezu langweilig an. aber das gefühl, wenn man einen einzigartigen moment mit jemandem teilen kann, das kenne ich gut. es potenziert sich. 😍 ich kann euer glück fühlen. wirklich mitreißend geschrieben. 🙏👍👌👏

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  2. Traumhaft schön!! Und dann zum Schluß ihr beide zusammen… Das kommt der Perfektion schon sehr nahe 😉 Ein sooooo tolles Paar vor einer sooo tollen Kulisse. Ein Glück das ihr Euch in dieses Abenteuer gestürzt habt! Ihr hättet was verpasst… Das der Text der Knaller ist muss ich ja nicht extra sagen 😉 Du rockst!!!

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  3. Wir sind jedes Jahr mehrere Wochen in den USA, weil mein Sohn in LA lebt, aber den Grand Canyon haben wir bisher noch nicht besucht. So wie du das beschreibst muss das ja ein ganz tolles Erlebnis sein und deine Fotos sprechen Bände. Ich hoffe beim nächsten Besuch in den USA klappt es endlich.
    Liebe Grüße
    Sigrid

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