Als ich heute morgen aus der Bahn stieg…

… strahlte der Himmel kristallblau und die Sonne hing glühend gelbrot knapp über dem Horizont, alles bis auf die Schatten bekleidete sie mit einer hell leuchtenden Decke aus Wärme und Licht. Absolute Windstille, kein in den Bahnhof getragener Laubflocken rührte sich auf dem rostfarbenen Gleis. Grauweiße Tauben tanzten auf den Etagen über mir. Es duftete nach Mädchenparfüm und Erdbeeren, nach hauchzartkalter Frühlingsbrise und heißem Kaffee. Die kurzen, steppartigen Schritte der Pendelmenschen waberten dumpf und nahezu geräuschlos auf dem fleckiggrauen Stein; die Kopfhörer, die meine Ohren großflächig abdeckten, ließen den Löwenteil der auditiven Geräuschkulisse abprallen und wirkten dem von innen heraus mit einer weiblichen, feingliedrigen Stimme und begleitenden Gitarrentönen entgegen. Mein Spiegelbild zerrte an der glasigen Bahnwölbung entlang, über dem Rot und unter dem Weiß und auf den leicht rußigen Fensterscheiben, mal breit und rund, mal dünn und kantig. In den dunklen Manteltaschen versunken griffen meine Hände nach ihrer natürlichen Farbe, das Rosa, das sich auf die Haut legt, wenn sich das innere Wohlbefinden mit der Außentemperatur im Einklang befindet. Plakate schalteten um und warben, Rolltreppen flossen bergab und bergauf, Züge glitten in den Halt und schossen hinaus. Aus den tiefer gelegten Katakomben sprühte ein aromatisches Konglomerat aus Backwaren, Frühstücksfastfood und frisch gedruckter Zeitungen.

Kaum zu glauben, dass der Hauptbahnhof nichts sesshaftes an sich hat und nur ein dingliches, verbindendes Objekt ist, das man passiert, um woanders hin zu gelangen. Bei all den Farben und Gerüchen und Tönen, Menschen und Tauben, dem einfallenden Sonnenlicht und den Blaunuancen der vereinzelt durch das Gebäude blickenden Himmelsatmosphäre.

 

30 Kommentare zu „Als ich heute morgen aus der Bahn stieg…

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  1. Ich bin schon wieder im Verzug deine Beiträge zu lesen und hab nur gerade in einer freien Minute in meinen Reader rein geschaut. Wie kann man Momente nur so treffend und schön beschreiben?! Wieder ganz toll geworden! 🙂
    Liebe Grüße und auch dir ein wunderbares Wochenende!

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  2. Wie machst Du das? Du schreibst von nem Bahnhof (nochmal: einem Bahnhof) und man denkt man ist im Himmel angekommen… Wieder mal eine grandiose Wortwahl. Irgendwann zeigst Du mir bitte mal diesen Bahnhof. Vielleicht ist der echt so schön und lebendig wie Du ihn beschrieben hast…. Wie immer, ganz groß!!!!

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    1. Sehr geil, dankeschön Markus!
      Vielleicht ist er das tatsächlich, aber ich denke, die Sinneseindrücke in genau diesem Moment hatten etwas einzigartiges an sich.. ich denke, dass die Gefühlslage entscheidend ist, an einem anderen Tag könnte der Bahnhof etwas ganz anderes ausstrahlen.
      Danke danke danke :))

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  3. Ich bitte dich, bring ein Buch heraus. Bring viele Bücher heraus. Sie würden mich verzaubern. Doch bitte, bring nicht genau dann ein Buch raus, wenn ich einst ein kleines Baby habe. Ich würde es total und absolut vergessen ob deiner Schreibkunst.

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    1. Gott, was macht mich dein Kommentar glücklich, ich weiß gar nicht was ich sagen soll, nur dass ich hoffe, dich darin nicht zu enttäuschen und tatsächlich ein Buch herauszubringen, und das, bevor du ein kleines Baby zuhause hast! 🙂
      DANKE Frosch !

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  4. 🙂 ach ja, manche Menschen machen Bilder in solchen Momenten, andere schreiben es einfach auf. Stimmungen einfangen und weitergeben ist eine Kunst, die mir sehr gut gefällt. Beeindruckend, wie dir das gelingt.
    Ich kenne solche Momente, man steht an Orten, die sich theoretisch gar nicht für lichte Gefühle anbieten und empfindet trotzdem genau das.
    Eigentlich cool, wie unabhängig Stimmungen von Orten sein können und wie sie dann das Drumherum für einen selbst verwandeln können 😉

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    1. Ich freue mich immer wieder, wenn meine Texte bei dir so gut ankommen. Danke, dass du mich das dann auch immer wissen lässt! 🙂
      & das hast du genau richtig gesagt, letztendlich sind Orte nur von den eigenen Stimmung und Gedanken erfüllt und können nur dadurch länger haften bleiben als andere Orte, an denen man sich befindet, sich damit aber nicht weiter auseinandersetzt.

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