Eine Hommage an die erste eigene E-Gitarre

Als ich sechs Jahre alt war, drückte mir mein Vater an einem ganz gewöhnlichen Montagabend im Frühling 1998 eine E-Gitarre in die Arme. Seine Augen leuchteten, meine Augen leuchteten. Es schien ihm viel zu bedeuten und deswegen bedeutete mir es auch viel, auch wenn ich nicht einen Ton spielen konnte, es noch nie probiert hatte, aber das war nicht weiter wichtig, denn ich würde es lernen. Er selbst liebte es zu spielen und träumte von einer eigenen Rockband, es war kein Traum, den er greifen konnte, er war nie richtig begabt oder beherrschte die Saiten außerordentlich, das wusste er, verzweifelte aber nicht daran und lachte und grinste wenn er spielte und dieser Anblick war befreiend.

Ich hatte mir keine eigene Gitarre gewünscht, Weihnachten lag schon vier Monate zurück, ich wollte ein neues Schalke-Trikot und neue Fußballschuhe und das bekam ich auch, und mein Geburtstag lag noch drei Monate entfernt, da würde ich mir einen Boxsack wünschen. Die Zeichen, dass er mir ein Geschenk machen würde, waren somit nicht vorhersehbar. Umso intensiver übermannte mich das Gefühl, etwas Neues, Unberührtes und gänzlich für mich Bestimmtes in den Händen zu halten, während ich in Vaters’ Arbeitszimmer unter dem grellen Deckenlicht saß, auf seinem leicht zerfransten Ledersessel, mit der eingekehrten Dunkelheit auf der noch immer belebten Anwohnerstraße, auf die ich durch das Fenster mit feuchten Augen und vor Verlegenheit rot angelaufenen Wangen blickte. Vater kniete vor mir und zog den Verstärker zu sich heran, er sagte, mein Verstärker ist jetzt auch dein Verstärker, ich wendete ihm wieder meinen Blick zu und lächelte, erfüllt von Glück und Freude, eine Träne löste sich und fiel auf eine der Saiten. Vielleicht bildete ich es mir nur ein oder die Saite schwang tatsächlich, aber dies sollte der allererste Ton auf meiner eigenen Gitarre gewesen sein.

Er stöpselte das eine Ende des Instrumentenkabels in den Verstärker, das andere Ende in die Klinkenbuchse am unteren Rand der Gitarre, es röhrte kurz und laut, ehe das Röhren in ein dünnes Rauschen überging. Vater sagte, dass die Gitarre nun angeschlossen sei. Dabei schaute er mir tief in die Augen, sie strahlten Stolz und Ehrgefühl aus, er muss sich gedacht haben, mein Sohn hat seine erste Gitarre, ich habe ihm seine erste Gitarre gekauft, schaut ihn euch doch nur an wie er da sitzt, ist das nicht fantastisch?

Diesen Blick werde ich nie vergessen.

Weil seine Gesichtszüge eine Zeichnung des Glücks in sich trugen, weil meine Gesichtszüge alles spiegelten, was seine Augen und die tiefen Grübchen in den hoch stehenden Mundwinkeln ausdrückten. Wir beide, Vater und Sohn, hatten unseren Moment, einen Moment, den es nur ganz selten in der Beziehung eines Vaters zu seinem Sohn geben kann, einen Moment, den es in keiner anderen Beziehung geben kann.

Es war unser Moment.

Dann hob er die Gitarre, die ich wie einen Schatz fest umklammerte, am Griffbrett an, hebelte sie damit nahezu aus meiner Umklammerung, und holte aus dem Gitarrenkoffer einen verzierten Gurt heraus, abstrakte Gesichter in weißen und schwarzen Konturen auf dem brauen Lederstreifen, band ihn um die Gitarre, führte sie zu mir zurück, sagte, ich solle den Arm heben, hängte sie mir um den Hals, legte seine Hand auf meine und drückte sie auf die Saiten. Das Metallene unter meinen Fingern bohrte sich vorsichtig in die Haut. Sechs harte Stahldrähte strichen über meine rechte Handfläche, die plötzlich noch etwas in sich barg, nicht ganz dreieckig in der Form, aber dieser ähnlich, ich ballte die Faust, öffnete sie wieder und hatte ein Plektron in der Hand liegen, dunkelbraun, fast schwarz, mit hellbraun schimmernden Farbtupfern in seinem Inneren, als befänden sie sich von Harz eingeschlossen im Herzen des Plektrons. Es glich einem Zaubertrick, irgendwie hatte Vater es unter meine Hand geschoben, ich rief, Wow!, wie hast du das gemacht?, Vater grinste und sagte, es sei Zauberei, und ich wiederholte das Wort, Zauberei, ich murmelte, das ist es. Das Plektron ist etwas sehr persönliches, mein Junge, sagte er noch.

Ich war glücklich und fühlte mich besonders. Ich war jetzt kein Kind mehr, ich war ein Junge, der eine eigene Gitarre hatte, sie entwurzelte das Kindliche und pflanzte die Samen eines neuen Lebensabschnitts. Es waren so oder so nur noch ein paar Monate, dann würde die Schule losgehen, die Grundschule, für die ich empfohlen wurde im Zentrum Gelsenkirchens und vor der ich mich so fürchtete, da unsere Erzieherin meinte, dass man auf der Grundschule sehr viel lernen müsse und man dafür bereit sein müsse, aber die Schwere des Instruments, der am Hals zerrende Riemen und das Plektron zwischen Zeigefinger und Daumen ließen mich gut und leicht fühlen, sie waren das lodernde Feuer im Inneren, das die Furcht niederbrannte und eine neue Seite von mir offenbarte, die Bereitschaft, das Abenteuer Grundschule angehen zu können und damit einhergehend, das Selbstbewusstsein, mich in der Welt der Jungen und Mädchen behaupten zu können.

Meine Gedanken flogen weit in die Zukunft, bis Vater sie abfing und ins Jetzt zurückholte, als er sagte, lass’ mal hören!, sehr bestimmt und in Erwartung eines Solos seines Jungen. Eine kurze Explosion drückte gegen meine Brust, fiel ab und zwickte im Magen. Sofort war ich aufgeregt, nicht aber im positiven Sinne, denn ich konnte ja nicht spielen, wusste er es?, das fragte ich mich, denn wenn er es nicht wusste, würde er doch anschließend enttäuscht sein, enttäuscht von seinem Sohn, der nicht spielen konnte. Oder ging es darum, zu zeigen, ob ich Talent hatte? So eine Art Gabe, etwas zu berühren und erwachen zu lassen, ohne vorher gewusst zu haben, dass es funktionieren würde? Hoffte er darauf? Vielleicht war es tatsächlich so. Vielleicht hatte ich die Gabe.

Mut wallte in mir auf, meine Mundwinkel lächelten, lagen aber schwer auf den Wangen, ich hatte keine Wahl, ich musste spielen und ich würde spielen, oh ja, ich würde zeigen, dass ich es drauf hatte. Dann fiel mir ein, dass eine Gitarre erst einmal gestimmt werden muss, bevor man sie spielen kann, das hatte ich mal auf einer Feier meiner Eltern mit ihren Freunden gehört, im Halbdunkel auf der Treppe sitzend und dem Stimmenwirrwarr und ausschweifenden Gesprächen lauschend, und fragte dies Vater, um den Moment hinauszuzögern, um eventuell doch nicht spielen zu müssen, woraufhin er lachte und sagte, das sei eine sehr gute Bemerkung, mein Sohn, du scheinst schon Ahnung von der Materie zu haben – er sagte so oft Materie, die Materie sei diskutabel, wir reden nicht von der selben Materie, du musst die Materie im Auge behalten, aber ich verstand nie, was er damit meinte, konnte es stets nur mit abwegigen Dingen assoziieren, es war ein Wort, das nicht in seinen Wortschatz passte, nicht dahingehörte, vielleicht benutzte er es genau aus diesem Grund –, die Saiten habe ich schon gestimmt, na los, lass’ hören!

Wie hält man denn überhaupt das Plektron?, fragte ich und nun schien er nicht mehr ganz so geduldig zu sein, fast schon ungeduldig, weiterhin mit einem breiten Lächeln, das ich nicht mehr in seiner Gesamtheit deuten konnte und mich erschaudern ließ, er knickte meinen Daumen und Zeigefinger um und schob das Plektron dazwischen, sagte So!, der junge Slash ist bereit zu spielen und nahm mir damit auch den letzten Hauch Hoffnung, nicht vor ihm spielen zu müssen, ich hätte es lieber alleine ausprobiert, ohne dem Druck eines erwartungsvollen Augenpaares, das dazu auch noch meinem Vater gehörte.

Ich zupfte vorsichtig an der Saite am linken Rand und ein dumpfes Grollen ertönte aus dem Verstärker. Das war gar nicht so schlecht, dachte ich und spielte die Saite rechts daneben. Der Ton war höher und angenehmer, ich zupfte drei weitere Male an ihr, langsam und darauf fokussiert, keinen Fehler zu machen, es klappte gut, der Ton gefiel mir, es war gar nicht so schwer. Die Saite in der Mitte ertönte und die Saite daneben und ich sah mein Plektron scheinbar eigenständig über die Saiten bis zum höchsten Ton schwingen. Meine linke Hand umgriff den Gitarrenhals, so, dass es authentisch aussah, sie aber keine Saiten berührte, nein, das konnte ich nun wirklich nicht, beides gleichzeitig, so wie es Vater machte, wenn er mir was vorspielte oder ich ihn heimlich beobachtete, den Verstärker voll aufgedreht, die Schreibzimmertür einen Spalt offen, voll in seinem Element, nicht wissend, dass ich mit halbem Körper im selben Raum war.

Ausgerechnet als ich mich sicher fühlte, machte ich einen Fehler. Das Plektron verhakte sich zwischen zwei Saiten, berührte beide gleichzeitig und der Ton, der dabei entstand, war grauenhaft. Ich wurde nervös, wollte neu anfangen, strich dabei über zwei weitere Saiten und dann über drei gleichzeitig, das Plektron verhedderte sich immer mehr im Zittern der gespannten Stahldrahte und rutschte unter der dünnen Schweißschicht auf meinen Fingern ab, das waren keine Töne mehr, die aus dem Verstärker rauschten, nur etwas Unbestimmtes, im höchsten Maße unangenehm, in den Ohren kratzend und unmelodisch. Die Geräuschkulisse erinnerte an eine Müllpresse, oder an ein startendes Flugzeug, oder an krachend platzende Eiswürfel im Früchtemixer.

Es war eine Katastrophe!

Ich schämte mich mit jedem weiteren Ton mehr, bekam nichts mehr hin, traute mich nicht aufzuschauen, auf gar keinen Fall Vaters Blick treffen, bis die Angst vor seiner Reaktion mich schließlich übermannte, ich das Plektron von mir schleuderte und heulend in der Dunkelheit meiner Handflächen verschwand.

Vater musste ungeheuerlich enttäuscht von mir sein, dachte ich. Alles in mir verzerrte und krümmte sich bei diesem Gedanken, spitze Nägel stachen in meinen Magen, ich hatte Vater enttäuscht, ich hatte kein Talent, ich bin unwürdig, eine eigene Gitarre zu besitzen.

Ich bin ein schlechter Sohn.

Vater stand auf, sagte etwas, das sich jedoch nicht gegen mein lautstarkes Weinen durchsetzen konnte, und nahm mir die Gitarre weg. Das war das Schlimmste, es war, als hätte er mir ein Stück meines Körpers entrissen, einen Arm oder ein Bein oder ein lebenswichtiges Organ. Ich heulte noch mehr und erwartete, dass er mir eine Ohrfeige geben würde, dass er wütend das Zimmer verlassen und Allen erzählen würde, was für einen schlechten Sohn er doch nur hatte.

Vater aber tat nichts dergleichen, ich hörte, wie er die Gitarre in den Gitarrenkoffer legte, ihn zuschloss und in die Ecke schob, ich fühlte seine sanft aufsteigende Hand in meinem Nacken, in meinem Haar, er tätschelte mir den Kopf, fuhr mir in beruhigender Weise durch die Haare und sagte, mein Sohn, das macht doch nichts, das ist doch nicht schlimm.

Ich zitterte noch einige Minuten von dem Heulkrampf, schluchzte, dass es mir leid tue, aber das Gefühl, dass ich mich wirklich dafür entschuldigen müsse, verflüchtigte sich rasch. Vaters Präsenz in diesem Augenblick war ruhig und abwartend, die Sicherheit, die er mir dadurch gab, dämmte die Tatsache ein, dass ich nicht die Gabe besaß, Gitarre zu spielen, zumindest nicht ohne es gelernt zu haben, in gewissem Maße enttäuschend, für mich, weil ich es so sehr hoffte. Vater aber musste damit gerechnet haben, er war erwachsen, ich glaubte ihm, das war nicht weiter schlimm.

Hast du Hunger?, fragte er und ich nickte, noch immer mit tränenunterlaufenden Augen. Dann machen wir uns jetzt Hawaii-Toasts, sagte er und traf mich mit dem Pfeil eines neuen Glücksgefühls.

In dieser Nacht konnte ich kaum schlafen, jedes Geräusch, jedes Knarzen der Türen und Schränke und des Parkettbodens in der Wohnung, jedes Rauschen der Bäume und Sträucher und des am Hinterhof angrenzenden Feldes im Wind, jedes Röhren der Autos, die unterhalb des Zimmerfensters vorbeifuhren, ließ mich an den Gitarrensound denken, an die ersten Töne, die ich am Abend spielte, erst dieses dumpfe, dunkle, dann dieses weiche, helle und im Abklang vermischten sich die Klänge zu etwas symphonieartigem, nicht wirklich melodischem, aber ausreichend harmonischem. Diesig sank ich in einen dämmrigen Zustand und fing an, die Klänge der E-Gitarre mit einer schönen Erinnerung zu assoziieren, ein Sommernachtsgewitter während ich im Auto saß, große Augen auf den Horizont der Landstraße gerichtet, die von Gelsenkirchen nach Bochum führte, Vater am Steuer, ich auf dem Beifahrersitz, eine Seltenheit, so selten wie die Geborgenheit, in einem von der Außenwelt abgeschotteten Auto zu sitzen, während es donnerte und krachte und weiße Blitze über die graue Stadt hereinbrachen und dicke Regentropfen in einem langgezogenen Film aus Wasser an der Fensterscheibe abperlten und das Grollen hatte nichts gefährliches an sich, war nur faszinierend und so ansteckend wie das Bild eines kleinen Jungen, der seine erste eigene E-Gitarre in den Händen hielt und das Plektron in den kleinen Fingern über die Saiten streichen ließ, wie Vater es einst tat, und was gibt es schöneres für einen Vater als eine seiner schönsten Erinnerungen an seinen Sohn weiterzugeben. Er hatte mir nicht nur ein Instrument geschenkt, er hatte mir eine Erinnerung geschenkt.

Eine Erinnerung mit ungeheurer Bedeutung!

Ich wachte auf und schaute aus dem Fenster, so wie ich es jeden Morgen machte, ich wollte wissen, was das für ein Tag werden könnte, oder ob sich über Nacht irgendetwas verändert hatte. Draußen hing die Sonne glühend gelbrot hinter den dicken Wolken der Industrieanlagen, der Dunst, der über ihnen hing, war grau und diesig, beinahe ging das Grau der Türme und Stahlkonstruktionen in die graue Luft über, nur vereinzelte Arbeiterhelme schimmerten hellgelb aber entsättigt wie exotische Fische, die im abgestandenem Wasser eines Aquariums gelegentlich an die rußigen Scheiben ticken. Helligkeit füllte das Zimmer und den Raum unter den blinzelnden Augenlider, ich erwachte aus der Taubheit der Müdigkeit, Autos schossen auf den anliegenden Straßen umher, in einer Fülle, wie es nur das morgendliche Ruhrgebiet schaffen konnte. Alles beim Alten.

Die Gitarre!

Aufgekratzt von diesem Einfall stürmte ich zur Tür, öffnete sie schnell und hastig und blieb ebenso schnell und hastig im Türrahmen wieder stehen. Vater telefonierte im Wohnzimmer, und an seiner Stimme und dem Klang vieler Schritte, die seine Hausschuhe auf dem Parkettboden hinterließen, merkte ich, dass er beunruhigt war, von Augenblick zu Augenblick mehr, da war ein Krampf in seiner Stimme, der mir Angst machte. Was ist nur passiert?

Ich hoffte, dass er meine Zimmertür nicht gehört hatte, so konnte ich die Situation belauschen, ohne dass meine Anwesenheit etwas ändern würde, an seiner Reaktion, an seinen Worten. Das Entsetzen über das, was ich hörte, muss mir wohl tief im Gesicht gelegen haben, ich erstarrte in meiner Körperhaltung, nur kurz musste ich schmunzeln als er ins Telefon brüllte, das hat doch gar nichts mit der Materie zu tun!

Das Telefonat eskalierte, Vater schmiss den Hörer gegen die Wand, die Einzelteile verteilten sich im Wohnzimmer und klangen beim Aufprall wie das Solo eines Gitarristen, ja, wie Slash, wenn er beim Spielen immer neue Dimensionen des Dreckigen und Unaufhaltbaren erreichte. So wie Vater das Telefonat beendete war er für mich ein Rockstar. Wenn ich neben ihm ging, wenn ich neben ihm aß oder Fernsehen schaute oder wenn wir zusammen in der Öffentlichkeit waren, bei Freunden oder auf Menschenansammlungen, zu denen er mich mitnahm, dann war er stets sehr ausgeglichen, sehr formgebunden, höflich und zurückhaltend, fast schon konservativ, und deswegen lief mir im Hall des verschrotteten Telefons ein kalter Schauer über den Rücken, ganz gleich, ob das jetzt cool von ihm war, eine coole Aktion, es beunruhigte mich, schauderte mir, ich war den Tränen nahe.

Die Stille, die sich unmittelbar danach in die Wohnung legte, forderte mich zum Handeln auf, ich lief ins Wohnzimmer, Vater saß auf seinem Fernsehsessel, in sich gekehrt, zwei Finger kreisten um seine rechte Schläfe, sah mich durch die Tür kommen und sagte mir, dass Mutter das alleinige Sorgerecht für mich erhalten würde, dass ich nicht weiter bei ihm wohnen dürfe. Zunächst verstand ich nichts, fragte, wie meinst du das, Papa, was passiert denn jetzt?, aber er nahm sich Zeit für mich, klärte mich auf und machte mir unmissverständlich klar, dass dies heute mein letzter Tag in seiner Wohnung war, morgen würde Mutter mich abholen. Er verzog die Lippen zu einem dünnen Lineal, tiefe Furchen säumten sein Gesicht. Alt sah er plötzlich aus, alt und starr in seinem Sessel versunken. Ich wollte weinen, um Vater zu zeigen, wie sehr mich das unglücklich stimmte, schaffte es aber nicht, keine Träne drang hervor, warum denn nicht, ich war doch wirklich todunglücklich darüber, das ist ungerecht, so ungerecht! Stattdessen kamen ihm die Tränen, er zitterte und verbarg die feuchten Augen hinter seinen Händen. Papa, sagte ich, das ist doch nicht so schlimm, das macht doch nichts. Was ich sagte, war Unsinn, aber mir war es danach, diese Worte zu sagen, schließlich hatte es mich am Tag zuvor auch getröstet. Er blickte zu mir auf, die Tränen hatten sich wie Schweiß in seine Falten gelegt und glänzten feucht unter dem einfallenden Sonnenlicht.

Wollen wir spielen?, fragte ich und er nickte.

Der Verstärker röchelte kurz und heftig an wie die Glut einer Kippe, ein alles brechendes Geräusch brandete an den weißen Wänden des Raumes und lief in das übliche Rauschen über. Zwei Stühle standen nebeneinander, zwei Gestalten, Vater und Sohn, saßen auf ihnen, jeder mit seiner eigenen E-Gitarre um den Hals, jeder mit seinem eigenen Plektron zwischen Daumen und Zeigefinger. Sie blickten sich tief in die Augen, es war einer dieser Vater-Sohn-Blicke, die es nur ganz selten in dieser Beziehung gibt, und die es nur in dieser Beziehung geben kann.

Vater machte den Anfang, schmiss das Plektron hart aber filigran auf die Saiten, es röhrte fantastisch, und ich machte es ihm nach, es röhrte wieder, ein Gewittersound bahnte sich an, dann spielten wir den selben Ton gleichzeitig, und der Verstärker holte alles aus den elektronischen Stimmbändern heraus, das lauteste Grollen, das er abspielen konnte, zugleich der beste Klang, den ich je gehört hatte. Vater flog gekonnt über die Saiten und tanzte mit den Fingern auf dem Gitarrenhals, ich zupfte hier und dort und oben und unten und ließ alle Saiten schwingen, mal alle gleichzeitig, mal nur eine. Die Töne vermischten sich mit denen der Gitarre meines Vaters, es gab keine Melodie, die wir spielten, es war nur Krach und dreckig, aber so grauenhaft es auch geklungen haben mag, es war grandios, wir waren so in unserem Element, Vater ließ alles raus, ich ließ alles raus, es war himmlisch, ein dreckiger Gitarrenhimmel. Plötzlich hörten wir auf, nichts ahnend, dass wir gleichzeitig das Plektron von den Saiten anheben würden, es war wie bei einem Zaubertrick, eine unerklärliche Verständigung, die dazu führte, dass die letzten gespielten Klänge nachhallten wie die letzte Welle eines Gewittersturms und ich wollte sagen, wow!, wie haben wir das nur gemacht, sagte aber nichts, blickte stattdessen zu Vater und sah, wie sich eine Träne bei ihm löste und auf seine Gitarre fiel. Vielleicht bildete ich es mir nur ein oder die Saite schwang tatsächlich, aber dies sollte der allerletzte Ton gewesen sein.

14 Kommentare zu „Eine Hommage an die erste eigene E-Gitarre

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      1. Alles befindet sich in ständiger Veränderung, so auch der Stil, es wäre gar nicht so gut, wenn sich da nicht immer was verändert. Was ich meine: wenn du konkret etwas beschreibst, so wie in diesem Text, dann hat das Geschriebene wirklich Kraft und ist sehr lebendig. Viel Freude noch beim Verändern :o) ! Liebe Grüße, Silvia

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  1. Dein Text hat mich total berührt… (und mich auf einer viel zu langen Zufahrt sehr nachdenklich gemacht, weshalb ich die Zeit vielleicht doch ein kleines bisschen besser nutzen konnte, mit einem schweifen lassen und gleichzeitig ordnen meiner Gedanken)
    Jetzt muss ich meine Gitarre wieder raus holen…
    Dankeschön 🙂

    Gefällt 2 Personen

  2. Wunderschön erzählt. Mein Sohn spielte seit dem 6 Lebensjahr Schlagzeug, mein Lebensgefährte Bassgitarre, ein gutes Team. Vor zwei Jahren verließ er unsere kleine Familie, lebt an einem anderen Ort, andere Familie. Mein Sohn war 13, seit dieser Zeit rührt es das Schlagzeug nicht mehr an. Traurig! Er hat einfach keine Lust mehr. Ich hoffe irgendwann wird es wieder anfangen. LG Maren

    Gefällt 1 Person

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