Jim nach Dublin

Nichts ist schlimmer, als sich mit einer Reise zu beschäftigen, sie quasi in Gedanken schon durchgeht, vom Start des Flugzeugs bis zum Sonnenuntergang an den Klippen der Küste, nur um dann, einige Stunden und damit einige Flug- und Unterkunftsrecherchen später, den gelbschwarzen „Abbrechen“-Button der Airline zu betätigen. Die anschließende Frustration ist so heftig, dass man nicht nur die Welt hasst, sondern auch sich selbst. Warum also sollte man diesen beschissenen Digitalknopf drücken?

Du bist knapp bei Kasse! Du hast Vorlesungen! Du sollst trainieren!

Mi mi mi.

Ich gebe zu, irgendwo zwischen den Verpflichtungen und der Annahme, das Geld könnte knapp sein, entstand mal wieder dieser Fluchtgedanke in eine andere Stadt, nur für ein paar Tage, raus aus der Wohnung, raus aus dem Land, in das ich hineingeboren wurde wie die Proletarier in ihren gesellschaftlichen Stand zur Zeit der französischen Revolution. Klar, gibt schlimmeres, als im Ruhrgebiet der Mittelklasse auf die Welt zu kommen, doch aber schleicht sich das Elend auf eine andere Art und Weise in mein Bewusstsein, vergleichbar mit der Spannungskurve eines Psychohorrorfilms, erst auf leisen Sohlen, dann so intensiv und dramatisch, dass einem die Luft weg bleibt. Stilmittel? Zum Beispiel die Blicke der Pendelmenschen, morgens am Bahnhof, trübe, so trübe und unmotiviert und hasserfüllt und verbissen und feindselig und vom Alltag eingekreist wie Melanie von den tödlichen Sperlingen und Krähen in Hitchcock’s Die Vögel. Und die Überzeugung, die dabei entsteht, während ich sie beobachte, schließt mich als potenziellen Mitarbeiter des Alltags aus. So ein Mist aber auch!

Ich muss sagen, das klingt schon ziemlich nervenaufreibend. Vielleicht sollte ich lieber Krimis schreiben, anstatt voll die deepen Blogeinträge und begonnene Romananfänge, in denen es um die Leiden eines jungen Mannes in Angesicht des ungewollten Treibens im Fluss der Gesellschaft geht. Autobiografische Züge rein zufällig!

An dieser Stelle fällt mir mein Lieblingsbegriff aus meiner Kindheit wieder ein. „Actionthriller“! Da denke ich an 3 Sterne in der TV Movie, an das rote, sehnsuchtsvolle FSK 18, an Bruce Willis und Listen wie „Filme mit den meisten Toten“, die mich dabei unterstützen, das Verbot* meines Vaters, solche Filme nicht schauen zu dürfen, ganz egal, ob so ein Fantasiegemetzel wie Herr der Ringe oder das cineastische Blutvergießen Kill Bill, mit einem Lächeln und einer gewissen Panik in der Magengegend auszureizen.

Sorry, das musste ich loswerden. Wie dem auch sei, um 15:31 Uhr stand fest, ich fliege morgen nach Irland. Hätte mich sonst selbst viel zu sehr gehasst, noch auf Abbrechen zu klicken. Das hat vielleicht etwas Manisches an sich, den eigenen Bedürfnissen in Außerachtlassung jeglicher Gründe nachzugehen, die eine solche Reise innerhalb eines bestimmten Zeitpunktes ausschließen, trifft mich aber nur bedingt, ich zucke die Schultern und packe meinen Rucksack: Ein kleines Handtuch. Ein Pullover. Buxe. Socken. Kopfhörer. Kamera. Marcel Proust’s Unterwegs zu Swann. Kann los gehen.

Keine Ahnung, was ich dort machen will, bin ja nicht gerade für die Auszeichnung des Toptouristen bekannt, die Sehenswürdigkeiten kann ich auch auf Google sehen. Eigentlich will ich dort nur drei Dinge: Ein kühles Guinness. Ein Blick auf die Stadt. Das Meer einatmen.

Donnerstag gehts dann auch schon wieder zurück, mit der Verpflichtung, im engen Kreise das eigene Land im Halbfinale anzufeuern. Im Normalfall wäre ich noch bis Freitag in Schottland, aber den Flug konnte ich doch nicht antreten, weil ich ein Fußballspiel hatte. Kein Witz, ich bin wegen eines „einzigartigen“ Spiels gegen eine höherklassige Mannschaft nicht nach Schottland geflogen, lieber rannte ich mit hochrotem Kopf, ausgetrockneten Lippen und kotzüblem Beinaheübergebens aufgrund ausgelassenem Joggens den Ball hinterher. 60-Ryanair-Euros für’n Arsch. Und hat es sich gelohnt? Der Trainer der Zweitligamannschaft schrieb heute in der Zeitung: „Mich nervt, dass in der zweiten Halbzeit eine B-Elf des Gegners auf dem Platz stand.“ Ich muss wohl kaum erwähnen, dass ich erst zur zweiten Halbzeit eingewechselt wurde.

So, melde mich wieder, wenn Dublin abgehakt ist. Hoffentlich lande ich dieses Mal im richtigen Pub.

Liebe Grüße,

euer Jim

*Die Verbote meines Vaters: 1. Schau keine Filme für Erwachsene! 2. Iss keine Gelantine! 3. Trage eine normale Frisur (an dieser Stelle Danke für die vielleicht schrecklichste Pilzkopffrisur, die Mutter Erde je gesehen hat).

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45 Kommentare zu „Jim nach Dublin

Gib deinen ab

  1. Schlimmer ist mein lieber Jim, dass auch ich mal eine Pilzkopffrisur hatte, weil meine Mutter kurzweilig dachte, sie sei Friseurin. Wie auch immer, Dublin ist immer eine gute Entscheidung, denn Dublin ist halt Dublin und nirgends gibt es so gute Pubs. Ich bin mal 6 Wochen allein mit dem Rucksack durch Irland getourt und deshalb weiß ich das mit den Pubs und ebenso weiß ich, dass der Ruhrpott einem durchaus, ordentlich auf den Sack gehen kann. Allerdings haben wir den BVB und somit eins der schönsten Stadien. Nur allzu gerne gröle ich You´ll never walk alone und verschütte dabei-weil so in Ekstase-jedes Mal mein Bier. 🙂

    Liebste Grüße
    Rebecca

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    1. Haha ohje, auch so ein Kindheitstrauma.
      Jetzt freu ich mich umso mehr auf die Pubs, hast mir ordentlich schmackhaft gemacht 🙂
      Allerdings muss ich das mit dem BVB ignorieren, da kommen wir auf keinen gemeinsamen Nenner 😀
      Danke und liebe Grüße zurück,
      Jim

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  2. ich musste grad an so vieles Denken als ich deinen Text las….1. Work and travel plus arbeiten in Amerika als Farmaushilfe….2. Melancholie mit Hoffnung…3. Möchte auch sofort ans Meer und würde mich über Bilder sehr freuen 4. Die Film Skala hahahaha immer wieder lustig …5. der richtige Pub…sofort an deine andere „Pupbesuchsversion“ gedacht und gelacht….6. was für ein absolut goldiges Bild von dir und es war damals nun mal in…Pilzkopf hin oder her…super süß! …..Viel Spaß in Dublin…finde es absolut cool wie spontan du bist!Leben genießen ist einfach so wertvoll! Behalt dir das so gut es geht bei! Liebe Grüße Anny

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    1. Schön dass ich bei dir so viele Assoziationen auslösen konnte 🙂 Bilder kommen definitiv, das ein oder andere zumindestens 🙂 Voll cool dass du auch wieder bei dieser Reise dabei bist, warst du doch ein echt toller Begleiter als ich in London war!
      Daaanke Anny!

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  3. Und trotz der Tatsache, dass du keine einzige Note lesen kannst siehst du nach einem sehr professionellen Klavierspieler aus! Ich habe es übrigens noch nicht vergessen, irgendwann werde ich dir das Klavier spielen nach Noten beibringen ☝🏻️😊.
    Ich wünsche dir übrigens eine ganz wundervolle Zeit in Dublin. Berichte ausführlich und lass mich/uns, gedanklich, auch für einen Moment fliehen. Ich bin schon gespannt!
    Alles Liebe,
    Anja 😘

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  4. Deine gewählten Reiseziele gefallen mir grundsätzlich sehr gut. Sie ähneln sehr denen auf meiner „ToDo-Liste“. Und mit Dublin kann man nichts falsch machen. Genieß die Zeit dort, schalte kurz ab, wirf einen Blick auf die Stadt, atme das Meer und trinke ein (nein, viele) Guinness. 🙂

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  5. Lieber Jim, dein Beitrag lässt mein Herz hörer schlagen -war ich vor zwei Jahren auch one way nach Irland unterwegs (https://liebesworte.com/2014/08/12/lebenstraum/). Mein Zwischenstop in Dublin hat sich auch voll gelohnt und was ich dir definitiv empfehlen kann und schonend fürs Portmonaie ist: http://www.neweuropetours.eu/Dublin/en/home?date=05/07/2016&tour=602# (keine typische Tour, ihr geht da an andere Plätze). Hab eine zauberhafte Zeit und grüß mir die grüne Insel meines Herzens.

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    1. Dankeschön Belinda, habe mir gerade deinen Eintrag durchgelesen und kanns nun noch weniger erwarten, ich freue mich darauf, herzlich in einer neuen Stadt aufgenommen zu werden und ein wenig das Lebensgefühl einzuatmen.
      Ich werde liebe Grüße bestellen 😛

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  6. Du überlegst dir gestern und entscheidest, heute nach Irland zu fliegen und kommst am Donnerstag wieder??? Wie cool ist das denn?
    Keiner deiner trübsinnigen Morgenbegleiter des ewigen Alltags käme auf die Idee, heute mal was anders zu machen. Zum Beispiel, das Bier (sorry, Guinness) zur Abwechslung heute und morgen einfach mal in Dublin zu trinken.
    Hey, viel Vergnügen.
    Bring ne Geschichte mit!
    P.S: die Frisur ist perfekt, ich denke, jeder sollte in seinem Leben unbedingt mal eine Frisur gehabt haben, die er im Nachhinein fürchterlich findet. Rein subjektiv. Rein objektiv denken hier alle sicher: ooh, wie süüüüß! ;D

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    1. Hehe, ich sag ja, wenn ich es nicht getan hätte, nachdem ich angefangen hatte, diese Idee zu haben, irgendwann gegen 12 Uhr gestern, dann wäre es zu deprimierend für mich gewesen 🙂
      Und so verdammt siehts aus! :))
      Danke!! Und natürlich, die Geschichte kommt .)
      PS: Rein subjektiv ist es im Nachhinein die Hölle. Frage mich, wie ich überhaupt auf die Grundschule gelassen wurde mit dieser Frisur… 😀
      Danke für deinen coolen Kommentar :-*

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  7. Ach Jim! Du triffst halt mal wieder den Nagel auf den Kopf!!! Vollgas! Flucht, Alltag raus, Tapetenwechsel! All das! Aber jetzt mal im Ernst, ich habs Dir ja schon geschrieben, hau rein, genieß Dublin, mach was draus! Ich bin mir sicher Du wirst das tun! Schau Dir die Welt an und entfliehe diesem Alltag… Du machst das genau richtig. Schreiben (bleib Dir da bitte treu), fotografieren, Reisen, Musik…. Und scheinbar spielst Du ja sogar Klavier ;-))))

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    1. Es MUSSTE mal wieder, auch wenns nur für 2 1/2 Tage ist. Danke nochmals für deine verdammt coolen Worte, das gibt mir ein gutes Gefühl! Und all das werde ich natürlich weiterführen!
      Ja, das mit dem Klavier.. vielleicht sollte ich die Tage mal ein klimperndes Video auf meinem Facebook-Kanal posten?:)
      DANKE!

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  8. Toller Beitrag! Hab mich halb schepp gelacht und halb mitgelitten…wer kennt das nicht? Aber für Dublin weiß man wenigstens,ist der ganze Stress es wert! Tolle Reise und einen entspannten pub Aufenthalt! Trink ein Guiness für mich mit!👍🏽

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  9. Ganz ehrlich? Saugeil!!! Als ich deinen Beitrag von unterwegs aus las, hätte ich am liebsten schnurstracks den Weg in Richtung Flughafen eingeschlagen und den Flieger von Wien nach Dublin genommen… Die Zeit hätte ich mir schon irgendwie frei geschaufelt, nur der Kontostand hat mir leider so massiv den Vogel gezeigt, dass ich’s diesmal echt nicht tun konnte. F*** the money… Aber wär das irgendwie gegangen (und ich bin in Gedanken schon sämtliche Optionen durchgegangen but no way), hätte ich’s echt gemacht. 🙂
    Solche Aktionen sind manchmal einfach die Besten. Hab mich vor Jahren mal genauso kurzfristig und spontan für eine mehrwöchige Reise durch Thailand entschieden. Ich hatte genau 24h um den Urlaub in der Arbeit zu klären + packen und vorbereiten. Rückblickend betrachtet waren das ein paar der wichtigsten und prägendsten Wochen meines Lebens.
    Hoff dein Kurztrip war großartig und in jeglicher Hinsicht bereichernd 🙂

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      1. genauso toll!!!!! Ich mag sowas total gern und mir ist Spontanität abhanden gekommen, weil mein Hirn einfach so vieles kontrollieren wollte…und wissen….AAAAANSTRENGEND…langsam wird’s wieder 😉 und das freut mich voll….wir wollen auch unbedingt jetzt weg….raus raus raus… 🙂

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    1. Oh das wär auch zu cool gewesen, dich plötzlich in einem Pub vor mir stehen zu haben 🙂 Vermutlich aber, selbst wenn das der Fall gewesen wäre, hätten wir einander nicht erkannt, oder?
      Das glaube ich dir gerne, nach Thailand ist es ja nochmal etwas von viel größerer Wucht, und vor allem in dieser kurzen Zeit, die dir zum Überlegen blieb, fiel bestimmt alles weg, das dich auf diesen Trip vorbereiten hätte können. Schön zu lesen und eine echte Inspiration! 🙂
      Danke Nina!!

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      1. Ja das wär’s wirklich gewesen 🙂 Du hättest mich vermutlich nicht erkannt, aber ich hätte dich erkannt. Bauchgefühl und so… 😉
        Ich glaub ich hab mich grad deswegen so spontan auf diesen Trip eingelassen, weil ich mich organisatorisch auf nicht’s vorbereiten musste. Nur auf die Buchung des Fluges. Der Rest war bereits von meiner Reisegruppe organisiert und die haben dann alles weitere übernommen. Das war zum damaligen Zeitpunkt genau das was ich gebraucht habe. Genau so ist’s dann auch gekommen (dazu mehr in deinem nächsten Beitrag. Hat mich stark daran erinnert 😉 ). Und was die seelische Vorbereitung angeht… das war ebenfalls das Gute. Ich hatte NULL Erwartungen und NULL Hoffnungen. Ich wusste damals, dass meine einzige „Aufgabe“ zu dieser Reise darin bestehen würde, einfach zu „sein“ und mir etwas wichtiges von der Seele zu schreiben und nicht, mich seelisch auf diese Reise vorzubereiten. 🙂

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      2. Das kann gut sein 🙂
        Oh dann war das ja einfach perfekt und du konntest dich kopfüber in dieses Abenteuer stürzen, und wie du schon so schön sagst, einfach zu „sein“, ohne Erwartungen und Hoffnungen, das muss so etwas sehr Befreiendes an sich haben! Würde sehr gerne dich über diese Reise noch mehr ausfragen 🙂

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  10. tja, was soll ich sagen jim: ich bin ein mädchen und hatte in etwa dieselbe frisur. (und du hast schottland wegen fußball ausfallen lassen? das versteht man wohl nur, wenn man deutscher ist 😛 )

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