10 Minuten vor der Klausur

10 Minuten noch. Zehn Minuten bis mir eine dreiseitige Klausur vorgelegt wird. Fünf bis zehn gekachelte Blätter werden beilegt, die nackt und unbeschrieben mit thematisch korrektem Gedankengut gefüllt werden wollen. Ich hasse diesen Zwang, ein weißes Blatt mit Buchstaben und Wörtern und Zahlen füllen zu müssen, die nicht meiner eigenen Fantasie entsprechen, sondern lediglich das Produkt vorausgegangenem Lernens sind. Panik steigt in mir hoch. In zehn Minuten wird der Dozent fragen, ob ich diese Klausur antreten möchte. Scheiße, war es nicht erst letzte Woche, als das Semester begann?

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Die erste von zehn dramatischen Minuten ist meist von generellen Fragen durchdrungen, die sich mit den generellen Umständen der Situation befassen. Habe ich gelernt? Habe ich genug gelernt? Werde ich bestehen? Möchte ich nur bestehen oder möchte ich gut bestehen? Ich erinnere mich an gestern. Ich saß da, hab den zischenden Lauten freier Vögel gelauscht, die in den grünen Baumkronen des anliegenden Gartens ein beschwingtes Dasein zelebrieren. Rotkehlchen oder Kolibris oder Klappergrasmücken müssen keine Klausuren schreiben. Ein ganzes Leben ohne Klausuren. Fantastisch, dachte ich und schielte neidvoll bis hasserfüllt auf das verwirrende Skript des Dozenten. Die zweihundertvierzig Seiten hieroglyphischer Unentzifferbarkeit entstammen doch eher einem geisteskranken Häftling, der die mattgrauen Wände seiner Einzelzelle über Jahrzehnte lang hinweg mit abstrakten Kritzeleien beschmiert hat. Oder der Politik, macht eh keinen Unterschied. Ich nahm einen langen, intensiven Schluck Kaffee, der mich koffeinbedingt mit neuer Energie erfüllte. Ich lerne jetzt. Und wenn es das Letzte ist, was ich tue!!!! Oh, …

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… musste meine Mutter gestern unbedingt dann saugen, als ich kurz nach dem Aufstehen um 14:27 Uhr mit dem Lernen anfangen wollte? Da war der Zeigefinger nur noch wenige Millimeter von dem ersten Wort einer schon bald konkludenten Skriptzusammenfassung entfernt, ertönt das grauenvolle Rauschen eines veralteten, kotbraunen Staubsaugers, der seinen antiken Herstellerursprung vermutlich im zerbombten Deutschland der Nachkriegsjahre findet. Wie eine Nebelbank aus turbinenähnlichem Tinitus legt sich das Geräusch in die Dreizimmerwohnung, ich muss ausziehen, bald, sehr bald, nein jetzt sofort! Ich dachte hingebungsvoll an meine eigene Wohnung, die ich schon bald beziehen werde, dann, wenn das Semester zu Ende ist. Na klasse, den Zeitpunkt habe ich gut gewählt. Und mein ganzes Erspartes geht für eine neue Couch drauf, für Stehlampen, für einen Küchentisch, für Wandfarbe, für einen neuen Fernseher, brauch ich den wirklich?, und für eine neue Blu-Ray Sammlung meiner drei Lieblingsfilme, Drive, Brügge sehen… und sterben? und Into the Wild, oh wie gerne wäre ich jetzt auch im verschneiten Alaska und würde im Angesicht gewaltiger Braunbären mit nackten Füßen durch die lachsbedeckten Flüsse stampfen, während mir der knisternde Geruch des am mosaiksteinigen Flussufers gelegten Lagerfeuers in die Nase steigt. Ohh, …

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… ich drifte ab. Zu schnell, zu oft, zu lange. Der flackernde Bildschirm meines Laptops war alles was zählt. Ich dachte daran, dass mir kurzzeitig nicht einmal klar war, in welchem Modul die heutige Klausur stattfindet. War es Business Englisch? Oder Kundenmanagement? Oder Steuerrecht? Ahhh, ja, Steuerrecht. Moment mal, was hat Steuerrecht in meinem Studiengang zu suchen? Habe ich dem zugestimmt, als ich den Studienvertrag unterschrieben habe? Dass ich mich bereit erkläre, Paragraphen und Absätze aus dem gefühlt dreiundvierzigtausendseitigen Steuergesetze-Roman auswendig zu lernen? Nein, definitiv nicht. Aber gerissen sind sie, die Head of University – Menschen, die alle einen wichtigen Namen haben, die man allerdings noch nie in seinem Leben gesehen hat. Denn der konkrete Modulplan offenbarte sich erst nach der krakeligen Unterschrift und wer hätte das gedacht, bei der Akquisition fiel kein Wort über etwaige Zumutungen, die ein deftiges Loch der Unverständnis in das auf Harmonie ausgelegte Studentengehirn brannten. Aber was lag schon in meiner Macht? Eine Revolution anzetteln, die dieses Modul aus dem Studiengang verbannen will? Dafür war es einen Tag vor der Klausur vermutlich zu spät. Ich schaute in der Facebook-Gruppe nach, die mit inhaltlichen Fragen ebenfalls in panikartigen Zuständen befindender Mitstudenten zugespamt war. Alle fragten danach, müssen wir dies können und müssen wir das können und ist Paragraph 8 Absatz 3 Satz 2 bis 4 KStG relevant?, nein du Vollidiot schrieb einer, das BGB werden wir morgen nicht benötigen. Der Vollidiot war ich. Ohhh, …

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… was ist das nur für eine Demütigung, die eigene Unkenntnis wenige Stunden vor der Klausur so offen preiszugeben, damit jeder, der sich in einer notenabhängig gehobenen Stellung sieht, mit einem spitzen Fliesenlegerhammer in den zartbesaiteten Spalt meiner lernbedingten Schlauheit einen spitzen Eisennagel hämmern kann. Selbst die stilisierten Klassenbesten benutzen in diesen Fällen sogar gerissene Beschimpfungen wie Idiot oder Opfer, was noch einmal zusätzlich ärgerlich ist, nur weil gerade sie es sagen und nicht der coole Durchschnittsstudent von nebenan, zu dessen Gesellschaftsmitte ich mich zähle. Cool sei mal dahingestellt, Durchschnitt lässt sich aber nicht abstreiten. Durchschnittlich sein. Was für eine Horrorvorstellung. Ich denke an einen meiner besten Freunde, der sich stets über seine Durchschnittlichkeit lustig macht. Durchschnittsschulabschluss, Durschnittspraktikumsbericht, Durchschnittsausbildungsvergütung und außerdem nicht zu vergessen, sein Durchschnittsmainstreammusikgeschmack in Anbetracht seines wippenden Kopfes im Kommerztakt angesagter Durchschnittspopsongs, sein Durchschnittseinkaufverhalten für durchschnittskostenspielige Markenqualität vom Durchschnittsbekleidungswarenhaus und seine Durchschnittsliebschaften, die mit blondinengelb gefärbten Frisuren mit Ombré oder tiefbraunem Durchschnittshaaransatz ihren kaugummikauendem Vorbild aus den überdurchschnittlich erfolgreichen Kinokassenschlagern Fack ju Göthe 1 und durchschnittsfortsetzungsbedingtem Fack ju Göthe 2 nacheifern. So viel Durchschnittlichkeit in einer Zeit, wo jeder das Individuelle, das Besondere anstrebt, das muss man erst einmal verarbeiten. Ohhhh, …

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… reicht mir eigentlich eine 3? Beziehungsweise die Anzahl der Punkte, die in dem Notensystem der Universität eine Punktlandung ins Mittelmaß darstellen? Verglichen mit meinem Lernstand, der sich irgendwo zwischen bemitleidenswerter Nullkenntnis und potentem Ich-kann-das – Gehabe ansiedelt, wäre das Mittelmaß doch erstrebenswert, ja, so paradox es auch klingen mag, ein Ziel, das ich mir sechs Minuten vor der Klausur setze. Im gleichen Augenblick aber verdamme ich mich für die bewusste Zielsetzung, denn nichts setzt den Studenten mehr unter Druck, als eine bestimmte Note erreichen zu wollen, nein, erreichen zu müssen, weil…, ja weil dann sonst die Karriere schon vor dem Berufseinstieg vorbei ist und man nie und nimmer einen gescheiten Arbeitsplatz finden würde und letztendlich die Berufsbezeichnung des Arbeitslosengeldbeziehers auf der imaginären Visitenkarte steht, kleingedruckt vermerkt mit dem Besitz einer roten, klapprigen Metallschubkarre für den Nebenjob des Zeitungsausträgers im Angesicht vierzehnjähriger Gören und junger Burschen, die ihr Taschengeld aufbessern wollen, während man sich als neununddreißigjähriger Vollbartschluffi und Vollzeitbierbauchträger im salamipizzabeflecktem Übergrößenlangarmshirt doch ursprünglich mit einem maßgeschneiderten Hugo Boss – Anzug im verspiegelten Privatbüro eines dreihundertstöckigen Unternehmenskomplex sitzen sah; die schwarzen Echtlederschuhe auf dem Unikat eines Marmorschreibtischs abgestellt, mit angewinkelten Beinen im vollautomatisch zurücklehnbaren Chefsessel entspannend, als die immer gut gelaunte Sekretärin vorsichtig anklopft und durch eine wichtig anmutende Handbewegung hereingebeten wird, den herrlich duftenden Importkaffee bereitstellt und in ihrer unwiderstehlichsten Art und Weise fröhlich und munter die drei schönsten Worte eines jeden Zielsetzungsstudententraums sagt: Guten Morgen, Chef. Ohhhhh, …

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… wer Chef werden will, muss leiden. So oder so ähnlich sagt man es doch, oder? Lernen, Klausuren schreiben, im besten Falle bestehen, im schlechtesten Falle durchfallen, nachschreiben. Ein einziger Leidensweg. Ein Weg, den man im Sitzen bestreitet, während man sich dem Druck einer Pilgerreise im gleißenden Sonnenlicht der staubtrockenen Sahara ausgesetzt fühlt. Jeder Staubkorn, der völlig unappetitlich wie der erste Mundkuss auf die trockengelegten und spröden Lippen prallt, gleicht einem Paragraphen oder einer Zeile oder einem Satz oder einer einzelnen Vokabel, die man sich in die degenerative Hirnrinde einspeichern muss. Nur blöd, dass der Ort, an dem alles Wissen und Gelernte zusammenfließt, in einer klebrigen Larche aus noch nicht vollständig abgebautem Whiskey und Wodka und Rum und Bier liegt und jedes Greifen nach dem Erlernten sich wie eine beißende Pedalumrundung auf den letzten mürben Kilometern einer unachtsam geplanten Fahrradtour den im 89 Grad – Winkel emporsteigenden Berg herauf anfühlt, während das Krachzen und Ächzen im Hals auf einen zu hohen Zigarettenkonsum in Folge einer progressiv ansteigenden Panik zurückführen ist. Demzufolge ist das Hervorrufen des abgefragten „Wissens“ eher ein Prozess aus waghalsigen Vermutungen, die im glücklichsten Falle im nachgelagerten, teilweise monatelangem Korrigierungsprozess mit einem grünen Haken bestätigt werden, so als würde man eine These aufstellen und diese unglaublich zufallsbedingt bewahrheiten können mit der geratenen Auswahl einer Möglichkeit, die im Gehirnbrei dahinvegetierte. Wahrscheinlich ist das jedoch nicht, und alles nur weil ich nicht mal ein blödes Wochenende auf die Sauferei verzichten konnte, aber wie denn auch, die Geburtstagsfete des besten Freundes oder der besten Freundin oder des kürzlich hinzugefügten Facebookkontakts konnte ich halt nicht absagen, wie sähe das auch aus, Streber würde man rufen, Arschloch, Versager!!!, ohhhhhh…

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… ich will jetzt aber nicht versagen!!! Wie sollte ich das denn meinen Eltern erklären?, ja Mama, hab ’ne Fünf, aber der Lehrer ist auch ’n Wixxer, nee, das ging höchstens damals, als man noch auf der weiterführenden Schule war, wo es tatsächlich noch Lehrer gab, die ihre Noten zu fünfzig Prozent sympathieabhängig machten und befand man sich nicht im elitären Kreise der homo sympathicus aus Lehrerperspektive, war man am Arsch. Doch jetzt ist das anders, Gespräche mit den Dozenten und Klausurensteller sind seltene Phänomene; eine distanzschaffende, zwischenmenschliche Unterkühlung ist meist das vorherrschende Gemüt im Vorlesungsraum. Auch jetzt setzt sich der Dozent mit einem Stapel hochgeheimer Klausuren in seiner ignoranten Alleinherrschaft auf den baumwollbeschichteten Diktatorsessel in der Mitte des Podests, auf das alle Linien und Formen und Strukturen des Raumes fluchtpunktartig zulaufen. Ich reiße mich von dem architektonischen Gestaltungsgedanken los, Visuelle Kommunikation war gestern dran, easy, völlig easy, und heute, ha!, das wird auch ein Klacks!, versuche ich mir kurz einzureden, bis das Eingeredete durch das entwaffnende Gerede einer Kommilitonin wie der Gummischädel eines Serienzombies zerplatzt: Die Umsatzsteuer war echt zäh zu lernen, gott bin ich froh, dass mein Nachhilfelehrer mir das noch rechtzeitig beibringen konnte. Die Umsatzst.. die die.. die müssen wir können?, entgegne ich entgeistert und ernte einen bemitleidenswertes Lächeln. Eine sich ständig wiederholende Kuriosität wenige Minuten vor der Klausur; hilfesuchend blicke ich mich im Raum um, hoffentlich bin ich nicht der Einzige, der das verpeilt hat zu lernen; gleichzeitig merke ich aber, wie banal dieser Gedanke ist. Welcher Nachhilfelehrer war für mich da? Keiner, was womöglich, eventuell, vielleicht mein eigenes Verschulden ist, doch werde ich meinen Eltern sagen, dass das Auffinden eines noch nicht belegten Nachhilfelehrers ungefähr so schwer wie das Buchen eines sich in unmittelbarer Strandnähe befindenden Ferienhauses in Dänemark kurz vor Ostern ist, sprich, nahezu unmöglich, was wahr ist, sich allerdings nicht unbedingt auf die Nachhilfe übertragen lässt, na gut, geben wir es zu, es wäre ein Lüge, eine dreiste Lüge um die eigene Unfähigkeit zu überspielen. Sollte eine Aufgabe mit der Umsatzsteuer drankommen, werde ich auch lügen müssen, in der Hoffnung, dass dies nicht auffällt, ob das klappt in der Klausur?, wird man abwarten müssen, verdammt noch mal, ich hab wohl keine Lehren aus Jim Carrey’s Filmfigur Fletcher Reede in „Der Dummschwätzer“ gezogen. Ohhhhhhh, …

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… kaum merkbar für andere, doch umso intensiver für mich kribbelt und zittert meine rechte Hand, als ich zielsicher noch ein letztes Mal nach den Karteikärtchen greife. Bin ich eigentlich der einzige, der Karteikärtchen bis an den äußersten Rand seiner scharfen Kanten mit dunkelblauer Tinte und grellgelben und tussipinken und meerblauen Markern und tiefschwarzen und roten Finelinern (aus der Hölle) bestreicht? Und das in einer konturenhaften, winzigen Schrift, in einer fast mädchenhaften Perfektion, damit auch wirklich jedes einzelne Wort aus dem Skript noch drauf passt. Irgendwie hab ich das Konzept von Karteikärtchen missverstanden, denke ich mir, als ich hinter meinem Deck hervorluge und auf die Karten der Konkurrenz schiele. Großflächig angelegte Stichpunkte suggerieren mir einen gewissen Schlüsselmoment im Kopf des Betrachters und Urhebers, dessen gewissenhaft gewählten Worte einen gedanklichen Film lostreten, der ihnen kurz und kompakt alles nötige noch einmal schnell vermittelt. Bei mir ist das anders. Ich habe ganze Sätze. Also lese ich meine ganzen Sätze in ihrer kompletten Länge auch ganz durch, von der ersten Versalie bis zum letzten Satzzeichen, immer und immer wieder. Ganz schön zeitaufwendig das Ganze, daher überfliegt mein Blick das Labyrinth aus unterstrichenen Buchstaben ungefähr so einprägsam wie das Modellieren eines Tonkörpers mit einem filigranen Dreihaarpinsel. Ich verzweifle schnell an der nicht ganz so ausgeprägten Wirkung und lege die Karten wieder in den Rucksack, wo sie die nächsten zwei Stunden zwischen einer matschigen Notfallbanane und betonharten Müsliriegeln ausharren dürfen, ehe sie der dunkle Tod eines für immer weggesperrten Schnellhefters ereilt, das Zeug brauche ich nie wieder, wo ist eigentlich der Sinn, eh nur für die Klausuren und eine einigermaßen gute Note zu lernen, mein Gott, tue ich das wirklich, Mr. Vorzeigestudent der Jahre 2015 bis 2039 werde ich wohl nicht mehr, eher sehe ich mich in Askaban gefangen, umgeben von lauter Direktoren und Schulleitern und StartUp-Unternehmern und Aktiengesellschaftenchefs und enttäuschten Eltern, allesamt mit lauter erhobener zum mahnenden Schlag angesetzter Zeigefinger, ohhhhhhhh…

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… doch plötzlich: Fokus! Komplette Stille. Kein Ton dringt zu mir durch. Mein Körper verschmilzt mit dem Holzstuhl und dem Holztisch, auf meiner Aura schießt ein mehrschichtiges Speerspitzensystem nach außen, das jede Ablenkung brutal niedermetzelt, die sich meiner auditiven Empfängnis nähern möchte. Pure Harmonie. Purer Einklang meiner Sinne mit dem Körper der ich bin in dem Raum der ich bin, alles ist eins, graziös ineinandergelaufen, spüre ich lediglich die unerschütterliche Zurückgezogenheit in die Abgründe meiner selbst ganz im Stile eines phlegmatischen Yogaweltmeisters. Ich bin noch hier, also kann ich was. Ich weiß alles, was ich wissen muss. Die Ruhe in mir breitet sich lückenlos aus und erfüllt mich mit einer eminenten Bewusstwerdung, eine Metamorphose der Selbstverwirklichung, auf dem Weg, den ich gehe, bis zum bitteren Ende, bis …

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… der Dozent in einer unlustigen aber eindrucksvollen Batmanimitation mit bedeutsamer Tiefe in seiner Stimme verkündet, dass doch bitte Ruhe einkehren möchte. Unverzüglich greift der autoritätsbedingte Mechanismus auf den spürbaren Grad der Schallempfindung im kahlen Klausurraum über, während sich die innere Ruhe einen Revolver an die Schläfe setzt und abdrückt. Panik. Das Blut der friedlichen Untätigkeit erstickt in einer panischen Apathie, in der alle existenten Gedanken durcheinandergewürfelt werden und verlaufen und zerlaufen und Verwirrung sich ins Bewusstsein kolportiert, ohhhhhhh, scheiße, scheiße fuck und mist, gratis Weed bekommt der, der die Flagge hisst und auf die eigens erstellte Spofity-Playlist pisst, die immer nur die gleichen drei Songs im Zufallsalgorithmus spielt und so verhielt, es sich auch mit Hakan, der mit RayBan-Sonnenbrillen dealt und schon immer geschielt, hat, meine Kat-zenallergie ist so schlimm wie die, Feuerwerkskörper in einer nebligen Silvesternacht, die spröde Glückshormone entfacht und es wäre doch gelacht, wenn ich nicht alles in meiner Macht, stehende versuchen würde, meine Würde, zu erhalten, den Gang hochzuschalten aber wieder abzuwürge, n, so wie ich es mit Sechzehn tat, als ich eklatat, e, Schwächen beim Anfahren vorwies, so mies, wie Meerrettich und Sauerkraut und Decklichter, im Raum des Gerichtssaals in Angesicht zu Angesicht mit dem Richter, der mir Lernschwächen oder Prokrastination vorwirft, wahrscheinlicher ist es die Aufschiebung, jemand der die Cola schlürft anstatt die Hinbiegung, seines Wissenstandes in Angriff zu nehmen, benehmen, den wilden Wolf oder die schwere Klausur zähmen, Angestellter im erfolgreichen Hochausunter-näääh, lieber reisen in Alaska oder Chile, mit drei Kugeln von der Eisdiele, wem gefiele, das denn nicht, doch jetzt ist Schicht, im Schacht, der Lehrer kracht, mit der flachen Hand auf das unschuldige Holz des Diktatorpults und fragt ruhig und bedacht:

900

„Möchten sie die Klausur antreten?“

Selbstverständlich, Sir!, rufe ich in den schalldichten Raum hinein und salutiere innerlich. Dann wolln‘ wir mal. Ohhhhhhhhhh…

20 Kommentare zu „10 Minuten vor der Klausur

Gib deinen ab

  1. Ohhh, das klingt nach sehr langen 10 Minuten. Aber die Klausur war hoffentlich dennoch ein Erfolg?!
    Wieder genial geschrieben und irgendwie bestätigt es, dass es richtig war, meinen Plan, von einem solchen Studium neben meinem Vollzeitberuf, auf Eis zu legen und eine Alternative zu suchen.

    Gefällt 1 Person

    1. Die letzten Minuten ziehen sich tatsächlich immer so unermesslich in den Gedanken.. aber die Klausur war vollkommen in Ordnung, denke ich 🙂
      Danke Chris!
      Da hast du vermutlich die richtige Entscheidung getroffen, wenn dir die Alternative denn Spaß macht 🙂

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  2. Hoffentlich war die Lernerei von Erfolg gekrönt. Obwohl ich sonst nie froh bin schon soooooo alt zu sein, heute bin ich es! Nichts mehr lernen zu müssen, um erfolgreich im Beruf oder späteren Leben zu sein. Juhu! Nur noch aus Freude am Lernen lernen -z.B. Sprachen oder Gehirnjogging für’s Gedächtnis! Ich wünsche dir eine gute Klausurnote. LG ☼Sigrid☼

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    1. Oh vielen Dank! 🙂
      Ich denke, diese Zeitdehnung in den Gedanken zielt genau darauf ab, auf die relative Erfahrung mit der Zeit, insbesondere in den letzten Minuten vor einer Klausur 🙂
      Mh, frei nach Talent wäre ich vielleicht sogar echt woanders besser aufgehoben, aber auch Talent ist relativ, mal sehen ob nach meinem Studium daraus mehr werden kann 🙂
      Liebe Grüße,
      Jim

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      1. 🙂 Zeit ist ein spannendes Ding. Und ich kenn das gut, wie sie sich eeeeeeendlos ziehen kann und vor allem, WAS in wenigen Minuten alles durch den Kopf wandern kann!! Schon krass, wie oft Muss und Soll und Hätte und Könnte und ‚Ich will nicht‘ und negative Vorannahmen darin vorkommen. Sehr gut eingefangen. Es war auch beim lesen schwer auszuhalten, alles bis zum Ende wirklich zu lesen, obwohl es sehr sehr lustig war und ich mehrmals laut gelacht habe. 😉
        Ja, ich drück dir die Daumen. Wird schon. Mit der Kunst und dem Geld ist ja eh immer so eine Sache.
        Grüße aus der Sonne!

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      2. Du sagst es, ich denke wir könnten über das Zeitempfinden ewig philosophieren, nicht wahr? 🙂 Spannend finde ich generell diese Augenblicke, in denen ein Gedanke nur für den Bruchteil einer Sekunde durch den Kopf geistert, dich anschließend aber vollkommen einnehmen kann..
        Danke dir nochmal, freut mich sehr dass der Text dich zum Lachen bringen konnte!

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      3. ;D ja, stimmt. Super-Thema, weil so faszinierend.
        Oh ja, solche Gedanken find ich manchmal sehr schön, weil sie mich begleiten und manchmal doof, weil ich sie so schlecht wieder loswerde 😉
        Auf jeden Fall passiert in Köpfen unendlich viel auf einmal, obwohl kaum Zeit verstreicht. Man kann sich in einer Situation befinden, in der man spricht und zuhört, vielleicht sogar noch geht oder irgendetwas anderes dabei tut und parallel arbeitet es im Kopf und man denkt 27 Sätze gleichzeitig. Blitz blitz blitz … ;D
        Na, egal.
        Hat er, der Text!
        Grüße aus HH!

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