Dienstagsnebel

Unheilvoll steigt der Rauch auf dem Dach meiner Universität auf, es brennt, brennt!, oh wie traurig und herzzerreißend und schlimm, die vielen jungen Studenten, sie werden verbrennen, sie werden schmelzen, ihre Haut tröpfelt auf die blanken Holztische, die das vernebelte Dienstagslicht spiegeln, von wenigen Schatten der weißen Säulen belegt, die so festgefahren und stämmig ein intaktes Konstrukt suggerieren, in das ich mich gleich begeben muss, denn der Rauch tanzt flüchtig und leicht, kein schwarzer Ruß wie der, wenn Kohle zündelt und nach und nach körnig und grießartig weiß wird, silbern und hell vermischt sich der Rauch mit dem Nebel, oh der rätselhafte, undurchsichtige Nebel, der plötzlich und aus heiterem Himmel die Landschaft in sich aufnahm, nebulös und schummrig war nichts von dem zu sehen, das den Anblick an einem gewöhnlichen Tag ausmacht, kein Wasser, nur Nebel, kein Gras, nur Nebel, keine Brücken Gebäude Straßen Autos, Menschen, nur Nebel, unermesslich erfüllt von reiner Konsistenz, ist keine Trennung von Himmel und Erde sichtbar, kein oben und kein unten, nur ein eindimensionaler Raum, der nichts lebhaftes, nichts lebendiges ausstrahlt, alles was er ausstrahlt ist Leere, schwere, weiße, bedrückende Leere.

Mein Bewusstsein hämmert sich zurück in den Wagon der Straßenbahn, ich senke den Blick und wende mich wieder meinem Buch zu, Seite 611, sechshundertelf Seiten, die den Nebel in meinem Leben eine Bedeutung geben, einen Wert, einen Sinn, in den Bruchteilen meines Tages, die ich mit dem Verschwinden in der tiefschwarzen Zeilentinte verbringen darf. Ist es nicht ungerecht, nicht lesen zu dürfen, wann immer man es möchte? Ich könnte, wenn ich mit den Konsequenzen leben könnte. Kann ich aber nicht, darf ich nicht. Lese ich auf der Arbeit, werde ich gekündigt. Lese ich in der Uni, rassel ich durch die Klausuren. Lese ich beim Fußballtraining, würde man mich schief und fragend anschauen und mir Krankheiten bescheinigen, die irgendetwas mit Psyche und Psycho zu tun haben, so oder so wird man mich nicht mehr in die Startelf stellen, vermutlich aus Rücksicht, da es sich auf der Auswechselbank besser lesen lässt, mit einer warmen Wolldecke und einem heißen Pott Kaffee.

Im Augenwinkel nehme ich ein Mädchen mit dunkelbraunen Haaren wahr, ihr baumelnder Fuß ist nur wenige Zentimeter von dem meinen entfernt, sie trägt schwarze Ballerinas mit einer weißen Schlaufe, elegant, sehen sie nicht aus, abgenutzt und ausgelatscht, ihre Beine sind in eine dünne Strumpfhose gepresst, oh wie unerotisch, nein, nicht Strumpfhose, ihre zarten Waden und Schenkel tragen würdevoll eine Feinstrumpfhose aus Nylon, ist ihr nicht kalt?, mir war es schon immer ein Rätsel wie die Frauenwelt in Ballerinas und einem Hauch von einem Netz an ihren Beinen bei einer Außentemperatur von empfindlichen zwei Grad nicht frieren kann. Ein wenig neidisch denke ich an meine zwei Paar Socken, die ich beim Anziehen in der kalten Wohnung übereinander stülpte, schelmisch grinsend, weil ich der den Gefrierpunkt streichelnden Anzeige in meiner Wetterapp heute trotzig einen ebenbürtigen Antagonisten auftischen wollte und tatsächlich, es klappte, fick dich Kälte.

Als zunächst eine raue, sachliche Männerstimme über die kratzenden Lautsprecher verkündet, dass aufgrund von, ich nahm den Grund nicht wahr, unterbrach zu spät das intellektuell verdammt hochwertige Produkt epileptischer Pianistenhände auf meinen Kopfhörern, vermutlich auch unrelevant, dass es zu Verspätungen kommt, was kurzerhand von einer schmächtigen, kuschelweichen Frauenstimme wiederholt wird, vermutlich um dem Gesagten Nachdruck zu verleihen, denn siehe da, die Männer heben ihren plötzlich sehr aufmerksamen Blick erst beim Hören der zweiten Ansage, ertappe auch ich mich dabei, wie ich erst fragend in das unbestimmte Treiben des schmalen Gangs sehe, dann zielsicher eine Augenbraue hebe und in einer langsamen, bedächtig ausgeführten Kopfbewegung das weitläufige Augenpaar der mir schräg gegenüber sitzenden Teilzeitballerina treffe, oh, ihre Augen sagen Hallo, flirtend, wer bist du, lasziv, wo kommst du her wo willst du hin, nachher, wir beide, ein Bier bei mir? Fluchtartig reiße ich meine Augen los und krieche zurück in mein Buch, Seite 614, wovon handelten die letzten drei Seiten?, na toll, jetzt muss ich zurückblättern.

Das Käsebrötchen schmeckt gut, es ist so weich heute, hmmm, goldgelben, nicht zu krustig, kaum krustig, welcher Laie hat es zu früh aus dem Backofen geholt?, esse die Hälfte und greife instinktiv nach der Zigarettenschachtel, hatte eh keinen Hunger und möchte doch nur eines, dass die Kippe schmeckt, beinahe bahnt sich hier schon eine Kontinuität in meinem Alltag ein, schon lustig, dass ich in dieser Banalität ein stringenteres Wiederkehren empfinde als in solchen Dingen, die viel mehr Raum jedes einzelnen Tages einnehmen, wie die fantastische Reise zur Universität am Morgen mit anschließendem Widerwillen, dass Gebäude auch zu betreten.

Und verdammt, es funktioniert, alles was ich in den sieben Minuten bis zum Vorlesungsbeginn erreichen möchte, während der Glimmstängel gleißend glüht und während ein kahlköpfiger Mann mittleren Alters mit rotem Pullunder und weiß-blau kariertem Kragen des sich darunter befindenden, schweißnassen Satinhemdes am Panoramafenster im zweiten Stock des Rathauses mit leicht sehnsüchtigem Blick auf den nackten Marktplatz mit der treffenden Straßenbezeichnung „Markt“ schaut und während pechschwarze Vögel, sind es Tauben oder Möwen, ha!, Möwen, hier in der Stadt, nein, es sind herzkranke und lebensmüde Kolibris, durch den blassen Stornsteinrauch über dem Dach der Uni fliegen, ooh dieser scheiß lügende Rauch, nichts brennt, nichts in dem Gebäude und nichts in mir, nichts will eine Motivation aufbringen die letzten vierunddreißig Meter zur chipkartengesicherten Stahltür zu laufen, wo ist der rote Teppich, wo sind die Fotografen, wo ist das Blitzen in den Augen, die eine tiefe Erfüllung in ihrem Leben fabulieren, aber ja, es funktioniert, ich stehe hier und fasse den Entschluss, das Gedankenpotpourri in meinem Kopf auf die Tasten meines Laptops auslaufen zu lassen.

Boah, tat das gut. Ich wäre wahnsinnig geworden, wenn ich dem Gebrabbel oder klausurrelevantem Fachwissen des Dozenten aufmerksam zugehört hätte. Jetzt muss ich aber wirklich, immerhin attestiert man mir eine rosige Zukunft in der Geschäftswelt des Marketings oder im gehobenen Management und zumindest vorläufig habe ich doch keine andere Wahl, als diese Erwartungen zu erfüllen.

Morgendliche Grüße aus dem Dienstagsnebel,

Jim Kopf

7 Kommentare zu „Dienstagsnebel

Gib deinen ab

  1. Jim, mein Bester 😉 Wieder mal eine tolle Geschichte! Ich seh Deine Arbeiten ja echt eher als Geschichten und nicht als Texte an. Geschichtererzähler. Das bringts glaub auf den Punkt. 2 Absätze mehr über das Mädel hättens dann aber noch sein dürfen 😉 Denn die Art wie Du Frauen beschreibst ist in meinen Augen eines Deiner größten Talente. Deutlich mehr als ein flaches bewerten von Ar*ch und Ti**en! Das unterscheidet Dich u.a. von all den anderen Texten die sich im www so tummeln! Rock on 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Markus, mein Lieblingsfotograf! Dankeschön! 🙂 Geschichtenerzähler, ein schönes Wort dass du mir da gibst, das mag ich. Interessant dass du das sagst, mag sein, ich werde dem bestimmt noch den ein oder anderen Beitrag widmen und versuchen, daran anzuschließen!
      Sorry für die späte Rückmeldung, hatte eine kleine Pause eingelegt beim Bloggen, bin aber wieder daaa 🙂
      Liebe Grüße!

      Gefällt mir

  2. Wieder ein wundervoller Text von dir und ich bin so froh, dass du nicht weiter auf die Ballerinas eingegangen bist. Was diese Schuhart betrifft, werde ich furchtbar oberflächlich, weil, geht garnicht! Ich muss aber zugeben, dass ich offensichtlich zu der komischen Sorte von Frauen gehöre, denn auch Strumpfhosen bei Kälte und alles unter 15 Grad, nein 20 Grad, ist kalt, kann ich nicht länger als eine halbe Stunde ertragen. 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Vielen lieben Dank! Entschuldige die späte Antwort, ich hab eine kleine Pause vom Bloggen gemacht, bin aber nun wieder am schreiben 🙂
      Hehe das ist irgendwie… schön zu hören 😀
      Liebe Grüße!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: