Masse

Ich steige aus der Straßenbahn, setze meinen Lederschuh auf das nasse Asphalt des Markplatzes, auf dem in schlichter Größe meine Universität untergebracht ist. Es ist früh, die Sonne scheint heute nicht aufgegangen zu sein, der weißgraue Himmel ist so sehr bewölkt, dass die einzelnen Wolken nicht sichtbar sind, sie fließen zu einer dichten Masse zusammen und doch sind sie leer, unbewohnt über uns liegend, werfen sie nur vereinzelte Regentropfen auf uns nieder, gerade eben hat es noch stärker geregnet. Der Bäcker verkauft mir ein günstiges Käsebrötchen, ich liebe seine harten Kanten und geschmacksintensiven Röstungen, die sich auf dem Boden sammeln, die seine Fläche um ein paar zusätzliche Bissen vergrößern. Ich beiße hinein, einmal, zweimal, stecke es zurück in die durchnässte Papiertüte und stelle mich unter das Vordach des Rathauses, greife nach der fast leeren Zigarettenschachtel und zünde mir eine an, das Feuerzeug leuchtet für vielleicht drei Sekunden, schwarz-braune Funken schlagen in die kalte Luft, ich ziehe kurz und heftig an und wähle das passende Lied für den Anblick, der sich mir bietet.

Blattlose, dunkelbraune Bäume, mit dünnen, abgemagerten Ästen stehen künstlich platziert an scheinbar wahllos ausgesuchten Standpunkten, die Oberleitung der Straßenbahnführung zittert und knistert, die umliegenden Gebäude sehen hohl aus, wie eine Kulisse aus Pappe, bunt aber schnörkellos, auf ihren Fensterbänken sind schmale, hellbraune Blumenkästen platziert, das Grün erhebt sich aus der verwurzelten Tiefe der Blumenerde. Ein paar Fenster sind gekippt, ein Augenpaar beobachtet im abgedunkelten Zimmer das Treiben, die Menschen, die umherlaufen, mit Regenschirmen so schwarz und groß, als würden sie den Regen aufhalten wollen, die Tropfen werden dicker und stürzen in wieder kürzeren Abständen nieder, ein dezentes Platschen rauscht durch meine Kopfhörer und nur das einsetzende Glockenspiel hält in diesem hörbaren Gemisch aus herrlich melancholischen Folkpop und anbahnendem Unwetter mit. Ein gelber Mercedes fährt völlig deplatziert vorbei, der Auspuff röhrt, das Öl tropft ihm hinterher und hinterlässt einen regenbogenfarbenem Leim in den Pfützen der Straße und auf ihr wird herumgetreten und abgeklopft und sie wird abgeworfen mit Zigarettenstummel und Kaugummis, ein Kaffeelöffel aus Plastik liegt in einem Oval aus Rotz und Spucke, scharfkantige Glasscherben pflastern den Rand der kalten Säule, an der ich lehne.

Auf dem Weg vor mir finden sich auch Abdrucke vor Nässe triefender Schuhe, manche heller, fragmentarischer, zersplittert, manche dunkler, fester, flächendeckender. Sie verschwinden, neue kommen hinzu. Die Leute tanzen mürrisch über den steinigen Boden, eingehüllt in tief zugezogenen Jacken, schwarz überwiegt, so viel schwarz und Kapuzenfell, das sich an die perlenden Gesichter schmiegt, sie hinterlassen ihren Eindruck, manche entschlossener, fokussiert, konsequent, manche verschlossener, zielunsicher, fast fragend, wie fest ihr Schuhabdruck haften bleibt.

Ich hebe meinen Fuß und schaue selbst nach. Kaum sichtbar, nur andeutungsweise in den Boden eingraviert, filigran, schmucklos, beinahe bescheiden wie der nasse Schatten daliegt, in aller Stille, wie ich hier stehe, die Eindrücke über mich ergehen lasse und während die Gedanken aus der Beobachtung heraus wieder anfangen zu rattern suche ich nach einer Erklärung für die schwache Kontur auf dem Weg, für die Standhaftigkeit in diesem Moment, die keine ist, die ich noch nicht gefunden habe, das weiß ich, bin ich hier falsch oder bin ich nur nicht fest genug aufgetreten, nicht energisch genug, nicht resolut genug, planmäßig abgewichen von dem, was ich wirklich will, jetzt und heute und morgen und an Tagen wie diesen, wo ich vor mir lieber einen Schreibtisch aus Buchenholz mit Ausblick auf die einsame Natur hätte, wo ich alleine schreiben könnte, doch stattdessen wache ich im Vorlesungsraum der Universität aus meinen Gedanken auf, den linken Ellbogen auf dem hölzernen Schreibtisch mit Ausblick auf den strahlenden Beamer und die weißen Wände und die vielen nuschelnden Köpfe und den immernoch grauen Himmel, der in einem erbitterten Kampf mit grässlichen Deckenleuchten um ein angenehmes Ambiente kämpft, aber was ist schon angenehm, sicherlich nicht das Bewusstsein, lieber die Tasten des Laptops mit eigenen Gedanken zu befeuern anstatt das aufzuschreiben, was ich vermutlich besser hätte mitschreiben sollen.

17 Kommentare zu „Masse

Gib deinen ab

  1. Voll gut! Bitte nicht nur den Laptop mit deinen wunderbaren Worten bereichern, sondern auch und besonders (!) uns! Schreib, und hör niemals auf damit! Am besten ein Buch. Dann hätte ich etwas worin ich immer und immer wieder drin lesen kann. Etwas was mich ein Stück weit ins Gedankgengut des Jim Draco entführt. Denn da fühl ich mich geborgen, aufgehoben, irgendwie weniger allein. Da fühle ich Freude und Glück über Wörter die treffender und schöner nicht sein könnten. Dankbarkeit über das Lächeln, was bleibt. ❤️

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    1. Netti, du berührst mich wirklich sehr mit deinen Worten zu meinem Geschriebenen, ich würd dir so gern persönlich sagen wie schön das für mich ist & wie intensiv ich das aufnehme, mich macht das ebenso glücklich dass ich dir mit meinen Gedanken etwas sehr besonderes geben kann! Also musst du dir denken, wie auch bei mir das Lächeln heften bleibt 🙂
      Ja, das Buch.. die Zeit dafür habe ich, wenn mein Duales Studium zu Ende ist, also in… 2 Jahren 😦 Bis dahin übe ich hier und lass euch auch weiterhin daran teilhaben 🙂
      DANKE!

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  2. Ah verdammt, hier kann ich die Musik nicht hören… Mach ich zuhause. Und ich hab tatsächlich den kompletten Beitrag mit dem Kinn auf der linken Handfläche gelesen (den Ellenbogen auf der Tischplatte).
    Der Text selbst deckt sich (mehr als mir lieb ist) ein bisschen auch mit meiner Situation. Ich kann nicht sagen welche Passage, es geht mehr ums Gesamtbild. Das, was der Text in mir ausgelöst hat…
    Muss ich mal so stehn lassen 😉

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    1. Halb so wild, denke aber der Song gefällt dir auch 🙂
      Ich nehme deine Sitzhaltung beim Lesen sehr gerne als Kompliment an!
      Irgendwie dachte ich mir, dass der Text auch auf dich passen würde, ich musste tatsächlich auch an diese Gefangenheit denken, die den Anblick ausmachte, weil man nicht drum herum kommt, anschließend dem nachzugehen, was man machen „muss“, sei es das Studium oder den Bürojob, während die Gedanken sich in diesem Moment etwas anderes, erfüllenderes wünschen.

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  3. Oh, das kenne ich so sehr! Neulich wären da 4 Stunden Zeit zum Lernen in der Unibib gewesen und stattdessen tippe ich mich in andere Welten.
    Hallo Jim, ich habe dein Blog gerade erst über Paleica entdeckt und mich gleich festgelesen. Dein Text samt Lied gefällt mir so gut. Danke fürs Teilen.
    Liebe Grüße! Mathilda

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