Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 24/24

Bedeutsame Schwingungen des Schicksals lagen in der Luft. Noa spürte es. Jael spürte es, sie war wie ausgewechselt. Es war für beide nicht zu übersehen. Sie machte eine kurze Atempause, holte tief Luft und ihre friedlichen Stimmbänder griffen nach den Worten, die alles verändern könnten:

Was ist wenn meine Traumwelt eine Täuschung war? Wenn ich in meinen Träumen mit der falschen Person Hand in Hand ging? Mein Bewusstsein hat mir einen unübersehbaren Menschen in meinen Verstand gepflanzt, jemanden, der alles überstrahlte, augenscheinlich unübersehbar. Aber so offensichtlich er auch anwesend war, er mag vielleicht nur die Oberfläche von dem gewesen sein, in das ich mich verliebt habe. Noa, ich denke, ich habe mich in die sehnsüchtige Vorstellung verliebt, die unter seiner Haut verborgen sein mochte. Nicht in ihn direkt, nur in eine fabelhafte Illusion. Und deine…

Noa lauschte völlig eingenommen ihren unglaublichen Worten, völlig gebannt und fasziniert, denn was sie da sagte, das sprach ihm aus der Seele, er fand sich in ihren Worten so klar und deutlich wieder wie noch nie zuvor in irgendwelchen Zeilen, die er je gelesen hatte, es war, als würde sie direkt in seinen Kopf sehen können, in seine eigene Traumwelt, es war, als würde sie mit angesehen haben, was er in den unendlich vielen gedankenverlorenen Stunden sinniert hatte, alles, nachdem er den falschen Namen lesen musste. Sie sprach aus, was Noa so schmerzlich erhofft hatte.

… und deine Traumwelt hatte es die ganze Zeit ganz klar vor Augen. Sie war der unzerstörbare Fels, den ich mir gewünscht hatte, nach dem mein Herz gegriffen hat. Ich wusste es nur nicht. Während du in deiner, oh ich sehe es vor mir, nicht mehr ganz so fiktionalen Vorstellung mit mir tausende Stunden der Liebe verbrachtest, hielt ich an der falschen Person fest. Ich lief jemanden hinterher, der meine Zeilen nicht verdient hatte, und zur selben Zeit wurden meine Zeilen von dir gelesen, von jemanden, ja ich denke, so ist es, der es verdient hatte, sie lesen zu dürfen. Sich von ihnen einnehmen zu lassen, du hast so recht, das wollten die Gedanken tief aus meinem Herzen erreichen und weißt du, ich denke, dass du das geschafft hast, denn du bist jetzt hier, und kein anderer. Das…

sollte so sein? Noa vervollständigte ihren Satz und ließ in seiner Betonung noch den winzigen Hauch einer Frage erkennen. Er lächelte. Nein, er grinste nahezu und das nahm er auch bewusst wahr. Doch seine Augen signalisierten immer noch Unglauben, ob Jael’s Worte denn nun wirklich echt sind, ob sie das gerade wirklich sagt. Ja verdammt, das ist echt!!, schrie die Stimme von irgendwo her, und dieses Mal genau zum richtigen Zeitpunkt. Noa’s Anspannung lockerte sich, fast schon drang ein minimaler Funken des Wohlfühlens in seine Glieder.

Vielleicht, ja. Vielleicht sollte es so sein. Ich kann nicht glauben, dass du hier sitzt. So wie damals auf diesem blöden Stein, an den sich niemand herantraute, und wenn, dann nur um dich zu demütigen. Ich habe alles mit angesehen, nicht einen Tag, nein, alle Tage, oh Noa, ich fühle mich so schlecht. Ich hatte diesen Freund, der einer von ihnen war, den ich liebte, ich kann es nicht einmal erklären wieso das so war, meine Gefühle, sie bestanden aus einer einzigen großen Verwirrung, mein Herz, es war da, dann flog es fort, ganz weit weg, und vor wenigen Wochen war es plötzlich wieder da. Ich habe meine Liebe, meine Gefühle aufgeschrieben, aber in der Realität, da wusste ich überhaupt nicht, für wen. Ich habe einen Namen an das Ende des Briefes geschrieben, der die größte Strahlkraft besaß. Aber das ist doch völlig oberflächlich. Ich habe mich von oberflächlichen Eindrücken täuschen lassen, meine Gedanken haben eine verkehrte Welt fabuliert, während ich die Realität außer Acht gelassen habe. Jael strahlte selbst in dieser Aneinanderreihung von Erkenntnissen. Ich glaube, Noa, es hätte dein Name dort stehen sollen.

Das ist genau das, was sich in mir zu einer unmöglichen Hoffnung zusammenquälte, Jael. Dass dort, am Ende einer Offenbarung, die ich noch nie vorher lesen durfte, mein Name stehen würde, der dort aber nicht stand. Aber meinst du, dass meine Traumwelt, das Konstrukt meiner Gedanken, Hoffnungen und Sehnsüchte, dass dies alles doch keine große Lüge war? Keine Täuschung? So wie bei dir? Noa schaute ihr tief hinter die Augen, um zu erkennen, was sie dachte, bevor ihre sanfte Stimme es aussprach.

Ich denke, dass die Möglichkeit besteht, dass es so ist. Der Grund dafür ist, dass du dich nicht von der Oberfläche hast blenden lassen. Ich habe schwarze Zeilen auf weißem Papier eingraviert, die aus der Tiefe meines Herzens kamen, das so sehr nach Liebe schrie. Behutsam in einen Brief versteckt. Du, Noa, du hast ihn entfaltet. Du warst der Boden, auf dem meine Worte, meine Gefühle wachsen konnten, gedeihen konnten. Also ja, sagte sie jetzt bestimmter, die Möglichkeit, dass deine Traumwelt keine Täuschung war, sie ist echt.

Gänsehaut überkommt Noa. Ein betörendes Gefühl, das seinen ganzen Körper einnimmt, breitetete sich in ihm aus. Er konnte nicht anders und schon gar nicht wollte er sich dagegen wehren, aber der magische Gedanke, er war jetzt wieder da, unübersehbar, in allen Farben leuchtend, er existierte, der Gedanke war echt, die Möglichkeit war echt und

vielleicht, ja vielleicht hatte sie recht. Und diese minimale Chance, dass es so ist, machte es zu der fabelhaften Unmöglichkeit, dass alles so gekommen ist, wie es kommen sollte. Dass alles so sein wird, wie es ihm seine Träume vorgezeichnet hatten.

Und während Jael ganz vorsichtig nach seiner Hand griff, sie mit seichter Leichtigkeit umklammerte, ganz sanft und behutsam, schauten sie auf die unendlich vielen Fenster der riesigen Hochhäuser vor ihnen, die von der kalten Dezembersonne angestrahlt wurden. Tausende Fenster, die jeden Tag auf meine Einsamkeit herab geblickt haben. Doch heute spiegelt das Leuchten der Sonne in ihnen und wirft ihr Licht nicht auf mich, nein, heute nicht, heute scheinst du auf Uns. 

Das war Noa’s letzter Gedanke. Die fabelhafte Unmöglichkeit war perfekt.

———————————————————————————————–

—————————————————————————————

———————————————————————————

—————————————————————————

———————————————————————

—————————————————————

Und das war sie, meine Adventskalendergeschichte. Ich hoffe, sie hat euch gefallen! Ihr habt mir auf jeden Fall mit jedem Aufruf, mit jedem einzelnen Wort, dass ihr von dieser Geschichte gelesen habt, ein fettes Lächeln auf mein Gesicht gezaubert. Ich habe sehr viel Zeit damit verbracht, täglich eintausend Wörter zu schreiben und vor allem meine Gefühle und eigenen Gedanken mit einfließen zu lassen. Und so viel in dieser Zeitspanne habe ich noch nie in meinem Leben geschrieben, geschweige denn eine so umfassende (Kurz-)Geschichte. Ich muss zugeben, auf einer Skala von drei bis acht bin ich zwölf stolz darauf, dass ich das durchgezogen habe, und noch mehr stolz und glücklich, dass viel mehr Menschen das gelesen habe, als ich dachte, aber ich freue mich auch sehr wieder normale Beiträge zu schreiben, und vielleicht steht ja bald sogar schon die nächste aufregende Reise an 🙂

Ich würde mich sehr freuen, wenn ihr mir HIER zu dieser Geschichte ein paar Worte da lasst, wie sie euch gefallen hat, was ihr toll fandet, aber auch was ihr nicht so gut fandet. Bin für jede Kritik dankbar 🙂

Und jeeeetzt wünsche ich euch einen wunderbaren Heiligabend, entspannte Weihnachtstage und eine schöne Zeit im Kreise der Familie!

Vielen Dank für eure Aufmerksamkeit,

Jim Kopf

3 Kommentare zu „Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 24/24

Gib deinen ab

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: