Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 23/24

Jael wirkte benommen. Ein unangenehmer Treffer, mitten durch ihr Herz. Was machst du nur, dachte sie sich, ich weiß noch nicht einmal deinen Namen, sagte sie. Du kannst das Blatt doch nicht einfach wenden, den richtigen Namen am Ende des Briefes einfach umknicken! Erst hast du mich von meinem Glück abgehalten und jetzt sagst du mir, einer für dich völlig fremden Person, dass du meine Liebe erhört hast? 

Jael! Es waren deine eigenen Worte. Du bist mir nicht fremd, das musst DU jetzt verstehen, so wie du es selbst erwartet hast, dass wir beide uns nämlich nicht fremd sind. Wir haben unendlich viel Zeit verbracht in meiner Vorstellung, in meinen Träumen, die sich, zugegeben, in eine einstürzende Utopie gewandelt haben, als ich den falschen Namen las… 

Das ist dir… passiert? Meine Zeilen haben das mit dir angestellt?

Ja. Du wirst es nicht glauben, aber sie haben mich schweben lassen, mir zum ersten Mal die Einsamkeit genommen. Deine Worte waren wie sanfte Berührungen auf meiner Haut, die ich, nun, nicht vermisse, weil ich dieses Gefühl der Zuneigung nicht kenne, aber inständig erhofft habe, von dir, weil ich… weil ich mich in dich verliebt habe.

Würde man das Unglauben in ihren Augen noch dramatisieren können, so wäre es in dieser Sekunde geschehen. So betroffen sie von Noa’s Worten war, dass er ihre Liebe erhört hatte, desto eindrucksvoller und entschiedener klang sein letzter Satz bei ihr nach. Sie hatte so sehr gehofft, dass Felix derjenige werden würde, der ihre Liebe erwiderte. Umso überraschender fiel ihr Noa in die Hände, im traurigsten Augenblick, in der endgültigen Enttäuschung, da tauchst du auf und gestehst mir deine Liebe… wegen ein paar Zeilen?

So wie du es dir auch erhofft hattest! So wie es dein begehrendes Herz ausgedrückt hat! Das kannst du nicht leugnen… du hast alles in diesen Brief gesetzt. Alles. Und weißt du was? Er hat seine volle Wirkung entfaltet. Mit voller Wucht hat er eingeschlagen, zuerst in meine Traumwelt und dann in mein Herz. Es schreit nach dir, so sehr… Noa war von sich selbst verblüfft. Er konnte sich kaum erklären, woher er diese Entschiedenheit in diesem vermeintlich wichtigsten Moment seines Schicksals nahm. Vielleicht ist diese Energie jetzt da, weil sie da sein muss. Weil sie ihn ein einziges Mal nicht im Stich lassen möchte, in diesem Moment, wo jedes einzelne Wort zählt, in diesem Moment, wo Jael angeschlagen ist, verletzlich, in diesem Moment, wo ihr Herz offen liegt, auf dem kalten Boden aufgeschlagen und Noa, er müsse es jetzt einfach nur aufheben.

Du bist Noa, nicht wahr?, fragte sie und ihre sanften Augen, in denen er alles sehen konnte, Verletzlichkeit, Gebrochenheit, aber auch Vertrauen und Geborgenheit, sie leuchteten, so als würde sie sich erinnern, wer ihr da gerade seine Liebe gesteht. Und es war nicht nur augenscheinlich so, sie erkannte in Noa ein vertrautes Gesicht, so unglaublich es auch war, aber die Erkenntnis brachte sie in atemberaubende Aufruhr, die Noa verwirrte, ja er verzweifelte nahezu in dieser Kehrtwende.

Du… du kennst mich? Noa wusste nicht, was er denken sollte, was er fühlen sollte. Seine Aura flatterte in allen Farben, unwissend, welcher Stimmungslage die Situation zuzuordnen ist. Das Geschehen verlangsamte sich zur Zeitlupe, seine Gedanken rasten im Zeitraffer rauf und runter. Das wäre unmöglich… wenn sie mich kennt… das ist ihm tatsächlich noch nie passiert, dass eine vermeintlich fremde Person ihn wiedererkennt.

Ein Lächeln wandert ihr auf das Gesicht und lassen ihre eleganten, weichen Wangen steigen. Wieso lächelt sie… wer bist du… Das Uhrwerk in seinem Kopf ratterte viel zu schnell, um einen klaren Gedanken zu fassen. Noa…, wieder löst sich eine Träne aus ihren Augen und steht vor dem Abgrund, doch sie fängt sich im lächelnden Mundwinkel, ich kenne dich. Erinnerst du dich an den Stein, nunja, ich spreche von dem Außenseiterstein. Wie könnte er diesen Stein vergessen. Ich habe dich dort gesehen. Jeden einzelnen Tag habe ich dich dort sitzen sehen, für eine Weile mit jemanden anderes, der irgendwann verschwand, doch du nicht, du bliebst da, du warst immer da, hast das Gymnasium durchgezogen, egal, wie viele Freunde du hattest.

0 an der Zahl, warf Noa sarkastisch ein. Ja, ich weiß. Aber darum geht es nicht. Noa, ich habe dich gesehen. Und weißt du was? Du mich auch. Scheiße noch mal, du hast mich auch gesehen, du hast alles beobachtet, auch mich, ich denke, mich sogar mehr wie alle anderen, vielleicht auch nur unbewusst. Wie ich mit diesem Typen zusammen war, er war mein Freund, ich liebte ihn, doch er riss mir das Herz heraus, kurz vor Ende der Schulzeit, kurz vor dem Abschlussball, aber, darum geht es auch nicht, was ich meine ist, wir haben uns gesehen und jetzt stell dir eines vor…

Ja? Noa sah nie schärfer, hörte nie klarer, in diesem bedeutenden Moment. Was auch immer Jael jetzt sagen werde, es wird das Leben dieser beiden einsamen Seelen verändern.

 

3 Kommentare zu „Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 23/24

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  1. Hi Jim, wie angekündigt habe ich jetzt die ersten 23 Kapitel gelesen und bin gerade ein wenig enttäuscht, weil Kapitel 24 noch fehlt. Ich will doch wissen, wie es ausgeht!
    Deine Geschichte gefällt mir sehr gut, dein Schreibstil sowieso. Nun kann ich nur hoffen, dass das „Finale“ pünktlich zur Bescherung online ist 🙂

    LG Chris

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