Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 22/24

Schnell drückten die letzten Wolken noch den Restregen auf die Erde, bevor sie endgültig verschwanden. Ein Sturm lag hinter ihnen, durchdrungen mit Wind und Wasser und einer bedrückenden Auseinandersetzung. Ein beobachtender Blick empfand kurzwellige Stromschläge der Enttäuschung, der Ablehnung. Nicht von innen, von außen, über eine Entfernung von einhundert Metern.

Jael stand dort inmitten des Weges auf der Allee, Noa stand hier inmitten zweier riesiger Hochhäuser, die einen dunkelgrauen Schatten auf ihn warfen. Und Felix… er lief fort. Entfernte sich von Jael, entfernte sich von Noa, obgleich er ihn nicht gesehen hatte. Vielleicht aber hatte er es gefühlt, dass noch ein anderer Mensch dagewesen ist, der in Jael’s Liebe besser aufgehoben wäre. Vielleicht war das ein uneigennütziger Akt, den Felix da vollbrachte, vielleicht war das seine Art und Weise, sich für die vielen Jahre der Einsamkeit zu entschuldigen, die ich hinter mir habe. Noa’s Schläfen schmerzten kurz und intensiv bei diesem Gedanken.

Was soll ich jetzt machen? Er sah, wie Jael ihre Augen zusammenkniff, sich zur Seite, zur morschen Bank drehte und sich wieder hinsetzte, mit ihren zärtlichen Händen den Kopf stützend. So unpassend es auch sein mochte, in diesem Moment kam die Sonne hervor. Sie legte sich auf die nassen Blätter und strahlte durch die Perlentropfen auf ihnen. Sie erleuchtete die Allee, machte das ganze Ausmaß des Konflikts sichtbar, das hier vor wenigen Augenblicken stattgefunden hat. Ein trauriges Mädchen im Sonnenschein, auf jener geheimnisvollen Bank, die einst einen fabelhaften Liebesbrief versteckt hielt.

Ich muss zu ihr hin. Da existierte kein Vielleicht, kein Möglicherweise und kein Eventuell. Ich muss. Also lief Noa los. Zu ihr. Bewusst, im Wissen, dass er auf Jael zuläuft. Nicht auf irgendein Mädchen, dass er nicht kannte, nein, das war sie beileibe nicht. Über diesen einhundert Metern bis zu ihr hin herrschte eine riesengroße Parallele ihrer Gedanken. Er kannte sie sehr gut, er hatte immerhin unzählige Stunden in seiner Vorstellungskraft, in seinen Träumen mit dieser einst fremden Person verbracht, und ihr geschah das Selbe, nur mit einem Unterschied: Jael hatte in ihrer Sehnsucht eine andere Person neben sich. Doch dieser Umstand war abgeschlossen, denn Noa’s Fingerspitzen glichen einem Schlüssel, sie verriegelten den Liebesbrief, er konnte sich nicht erneut entfalten und das, ganz gewiss, das sollte er auch nicht mehr.

Weil ein falscher Name am Ende des Briefes stand. Nie hatte Noa es klarer gesehen, als eben noch direkt vor seinen Augen. Es war die Bestätigung seiner Hoffnung, ein unübersehbares Zeichen, dass Jael sich in ihren Träumen getäuscht hatte, so wie Noa sich von der Fiktionalität seiner Illusion hat täuschen lassen. Aber seine Einbildung musterte sich jetzt mit jedem weiteren Schritt auf sie zu in etwas Echtes, etwas Greifbares. Denn sie saß dort, und er ging geradewegs auf sie zu. Sie war echt. Noa sah es nicht nur, er fühlte es auch. Enttäuscht wurde er, in seiner Einsamkeit bestätigt, die ultimative Ablehnung musste er durch den falschen Namen erfahren. Aber jetzt war das Gefühl stärker denn je, denn es hatte diese Phase überstanden, überlebt. Er ging auf das Mädchen zu, in das er sich verliebt hatte. Und setzte sich neben sie.

Mit einem zuckenden Augenwinkel registrierte sie Noa. Ihr Erscheinen deutete ganz klar darauf hin, dass sie gerade die Einsamkeit suchte, Noa kannte dieses Bild von sich selbst nur zu gut. Und doch aber durfte er sie jetzt nicht alleine lassen. Er saß neben ihr, mit dem Rücken an die Bank angelehnt. Sie war nach vorne gelehnt, die Hände immer noch vor ihr Gesicht haltend, den schwermütigen Kopf abstützend. Die Dezembersonne schien auf die Beiden herab und offenbarte zwei einsame Seelen, nebeneinander. Noch gingen ihre Gedanken in die selbe, aber falsche Richtung. Jaels‘ Gedanken liefen Felix hinterher. Noa’s Gedanken liefen Jael hinterher.

Regungslos saßen sie da. Beide gefangen in ihrer Traumwelt. Es schien, als müsste die Konfrontation erst im Fantasiegebilde stattfinden, bevor sie bereit für die Realität war. Die Stunden vergingen. Jael’s Bewegungen wurden langsamer, Noa kam immer näher an sie heran. So nah, dass er seine Hand ausstreckte, sie erreichte Jael, er hielt sie fest, er hielt sie an, und riss sie herum. Sie standen sich nun gegenüber. Große Augen schwammen durch die Tränen und erwarteten eine Antwort. Noa’s Augen starr, auf sie gerichtet, während sich sein Mund bewegte: Ich hab deinen Brief gelesen.

Du hast hast was? Die Traumwelt zerplatzte mit einem Mal, beide wurden aus ihren Gedanken gerissen. Noa hatte es laut ausgesprochen. Sein Herz blieb für einen Moment schockiert stehen, um anschließend noch härter und wuchtiger zu pochen. Ich… ich habe deinen Brief gelesen. Noa stotterte vor Aufregung. Ihre Augen formten sich zu einem Reiz der Ungläubigkeit. Voller Ekstase suchten sie tief in Noa’s dunklen Pupillen nach… Liebe. Ohne Zweifel, diese Augen wollten Liebe erfahren, nicht nur geben, sie erwidert haben. Und auch wenn sie das beide wussten, war nur Noa sich sicher, dass er hier sitzen sollte, nicht Felix und kein anderer Mensch auf dieser Welt, es war für ihn bestimmt, den Brief zu finden, ihn zu lesen, aufzunehmen, mit dem inständigen Begehren einer fabelhaften Unmöglichkeit bedacht zu werden. Du hast meinen Brief gelesen?, fragte sie vorsichtig. Ja, das habe ich. Er lag hier auf dieser Bank, versteckt, so sorgsam zwischen zwei morsche Holzbretter gesteckt, hier, genau hier, schau, da habe ich ihn gefunden. Noa zeigte auf die Stelle links neben ihm. Doch mit einem Mal verschwand das schöne Hochgefühl in den Worten.

Wie kannst du nur… wie kannst du nur einen Brief lesen, der nicht für dich bestimmt war? Du kannst doch nicht einfach einen fremden Brief lesen, ja ich hatte ihn dort versteckt, aber dieser Junge, er wusste davon, er wusste dass ich ihn da verstecken werde, und wenn er bereit ist, dann solle er ihn sich holen, lesen und meine Liebe erwidern, verdammt noch mal. Eine Träne löste sich aus Jael’s Augenwinkel. Du… du hast ihn gelesen. Meine behutsam gewählten Worte und Zeilen, für die ich mich so überwinden musste, du hast sie empfangen. Sie schluckte bei dieser Erkenntnis. Aber… aber ich habe mich doch in diesen Jungen verliebt. Und jetzt ist er fort. Nie hat er diese Zeilen gelesen. Er hatte keine Chance, sich auch in mich zu verlieben. Weil er die Kraft der Liebe nicht empfangen konnte, sie war doch so deutlich schwarz auf weiß in die tiefen Fasern des Briefes eingraviert. Kannst du dir überhaupt vorstellen, wie qualvoll das gerade für mich ist? Ich musste so lange nach meinem Herz suchen, es freischaufeln, aus den Weiten des Universums zurückholen, und als es endlich wieder da war, losgelöst von allem, ungeschützt am schlagen, treffen meine Worte nicht auf die Sehnsucht meiner Gedanken. Weil du den Brief gelesen hast, nicht er. Meine Liebe, sie wurde nicht von ihm erhört. Weil…

WEIL ICH DEINE LIEBE ERHÖRT HABE!, schreit Noa dazwischen.

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