Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 21/24

Felix. Das ist Felix! Die Person mit der dunklen Regenjacke reißt sich die Kapuze vom Kopf und offenbart sich. Noa konnte es genau sehen. Kein Zweifel. 

Wenn das Felix ist, dann ist… Er wollte es nicht aussprechen, nicht einmal denken. Eine fantastische Aufregung durchfährt ihn, gefolgt von der bedrückenden Stimmungslage, dass er nur machtlos zusehen konnte, was geschehen wird. Gänsehaut schleicht sich in seinen Nacken, über die Schulter, die Arme entlang bis zu den Fingerspitzen, die noch immer den Liebesbrief umklammerten, tief in der Jackentasche.

Wenn das Felix ist, MUSS das Mädchen auf der Bank, auf seiner Bank, Jael sein. Nein, sie muss es nicht sein, Sie ist es. Sie ist es, verdammt noch mal. Noa’s Gedanken waren wie entfesselt. Das Mädchen seiner Träume, das Mädchen, dass den Liebesbrief geschrieben hat, so wundervoll faszinierend, sie war einhundert Meter von ihm entfernt. Und du Idiot standest vor ihr, schreit jetzt auch noch und schon wieder die Stimme von irgendwo her, die irgendwie immer noch über alles wachte und die Situation kommentierte, hast kein vernünftiges Wort herausbekommen, du hättest ihr alles erklären können, bevor es zu dieser Katastrophe kommt, dass sie auf Felix trifft, und damit keine einzige Nuance der Hoffnung übrig bleiben kann, dass Noa am Ende der Glückliche ist, er hätte es ihr einfach sagen müssen, sagen müssen, sagen müssen, dass ich sie liebe. 

Doch jetzt würde jemand anderes ihre Liebe erwidern können. Ich hab es vermasselt. Seine Augen waren groß, seine Pupillen geweitet, sein Kopf schmerzhaft am denken, so viele Gedanken, Träume, Vorstellungen, Fantasien, Illusionen und fabelhafte Unmöglichkeiten, die ihn die letzten Wochen begleiteten, ihn in die Sphäre des Verliebtseins katapultierten, Wörter, Zeilen, ein magisches, verträumtes Gedicht, dass ihn gefangen genommen hatte, alles, so viel, Möglichkeiten, Chancen und Hoffnungen, Welten der Fiktion, der Einbildung, der Sehnsucht aber hey!, schreit die Stimme, das hier ist die Realität! Sieh hin!

Und Noa konnte sich nicht bewegen, er war dazu verdammt, seinem Schicksal zuzuschauen, er sah, wie sich Jael um seinen Hals wirft, wie bei einem Wiedersehen mit der Liebe, sie streicht ihre Hand ganz zart und vorsichtig seinen Rücken herunter, schmiegt ihren Kopf so geborgen es ihr möglich ist gegen seine Brust, schließt die Augen, während ihre Hände hinter seinem Rücken ineinandergreifen, festhaltend, so als hätten sie etwas gefunden, was sie nicht mehr wieder her geben möchten, und der Regen tanzte nahezu auf ihrem nassen Haar, sie lagen so unglaublich perfekt im Dezemberwind, alle Blätter der Allee schienen um sie herum sie wirbeln, so als würde sie mit einem übermächtigen Segen ausgestattet werden, den sie sich so sehnsüchtig erhofft hatte, den ihre atemberaubenden Zeilen unbestreitbar herauf beschwört hatten.

Doch Felix stand nur da. Seine Hände im freien Fall, unbeweglich. Sie taten genau das Gegenteil von dem, was Jael mit ihrer Aura ausdrückte. Er ließ sich umarmen, so intensiv wie vermutlich noch nie zuvor, doch sein Blick war nicht auf ihr Haar gerichtet, das an seiner Regenjacke klebte. Er sah in die Ferne, entlang der vielen Bäume und Hochhäuser, es sah so aus, als würde er mit seinen Augen etwas suchen, das er nicht hatte, warum, du Arsch, warum schaust du so, ich würde alles für diesen Moment geben, ängstlich blickte er auch in Noa’s Richtung. In dem dunklen Häuserspalt konnte man ihn nicht sehen, aber Noa selbst sah es ganz genau, schwarz auf weiß: Felix erwiderte nicht. Seine Haltung, sein hilfesuchender Blick, seine bleichen Hände auf den wippenden Oberschenkeln. Felix erwiderte nicht.

Felix erwidert nicht. Er erwidert nicht. Noa konnte es nicht fassen, was er da gerade sah. Und die Momente verstrichen, in denen Jael sich scheinbar nicht traute, ihre Augen zu öffnen, sie versuchte die Sekunden zu genießen, die immer länger wurden, unerträglich zogen sie sich in die Länge, Minuten, in denen sie seine Hand nicht auch auf ihrem Rücken spürte, in denen sie nicht ansatzweise seinen Atem fühlte, in denen er sich nicht mühte, ihr den Kuss ihres Verlangens zu geben.

Es schmerzte in Noa’s Brust. Hilflos stand er da und spürte ganz eindringlich, was in Jael gerade vorging. Wenn sie ihn loslässt, wenn sie ihren Griff löst, dann wird er weg sein. Dann wird er sich umdrehen und gehen. Ihre Liebe würde davon laufen, wenn sie ihn loslässt. Plötzlich aber griffen seine Hände nach ihr, vorsichtig strich er ihr über die Schulter. Man sah Noa die Schockstarre des Ungewissen in den Schatten seines Gesichts an, würde er jetzt doch erwidern, lässt er sich fallen, hatte sich Noa wieder einmal für den Bruchteil eines Augenschlags einen anderen Ausgang fantasiert? Aber die Gegenwirkung versteinerte auf Jael’s Schulter. Er schob sie von sich weg. Vielleicht einen halben Meter, für Jael muss es gefühlt ein halber Kilometer gewesen sein. Gewiss wird er jetzt gehen, dachte sich Noa, doch er konnte seinen Gedanken nicht mehr trauen, waren sie doch der Grund weshalb der Brief ihn so schmerzlich niederstreckte, gewiss wird er sie jetzt küssen,

halt die Klappe, du abscheuliche Stimme, halt jetzt die Klappe! Und die Stimme von irgendwo her erlischte. Wie auch das Plästern des Regens. Mit einem Mal Funkstille. Tinitus. Felix sagte ihr etwas, es müssen drei oder vier Worte gewesen sein, Noa hörte es nicht, er hörte nichts, er sah nur seinen Mund bewegen, während er die Arme noch weiter ausgestreckte, Jael von sich schiebend. Felix biss die Zähne zusammen. Und drehte sich um. Er ließ Jael einfach dort stehen. Sie stand dort, einhundert Meter von Noa entfernt, der alles mit ansah, sie blickte Felix hinterher, ungläubig, zerbrechlich, von Innen verwüstet, von außen standhaft, noch, noch klamm und regungslos, furchtbar angespannt.

Vier. Es waren vier Worte.

 

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