Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 20/24

Du stehst ja immer noch hier. Das Mädchen auf der Bank wendete ihren Blick wieder zu Noa. Er hörte ganz deutlich heraus, dass es ihr unangenehm war. Immerhin verstrichen die Minuten viel zu schnell für seine Auffassungsgabe, um zu überlegen, wie er jetzt handeln sollte. Daher stand er einfach regungslos vor ihr, ließ ihre Worte nachwirken und akzeptierte schlussendlich, dass sie sich weder von dem Platz erheben würde noch dass sie für ein Gespräch mit ihm imstande wäre. Ein denkbar ungünstiger Zeitpunkt, um den Liebesbrief wieder an seinen Fundort zurückzugeben.

Er wollte zu gerne wissen, wie sie heißt. Das würde ihm Klarheit verschaffen, denn, so ungern er es auch wahrhaben wollte, er sah sich wieder einmal mit der fiktionalen Vorstellung der fabelhaften Unmöglichkeit konfrontiert. Wenn das Jael ist… 

… dann würde sich alles verändern.

… dann könnte ich ihr gestehen, den Brief gelesen zu haben.

… dann könnte ich ihr sagen, dass ich mich verliebt habe. 

Doch wie würde sie reagieren? Noa, es ist eine verdammte Tatsache, der Brief wurde nicht für dich geschrieben!, schrie es von irgendwo her. Damit hatte doch alles gar keinen Sinn, denn das Fundament für das Empfinden seiner aufkeimenden Liebe für ein unbekanntes, faszinierendes Mädchen basierte auf einer schmerzhaften Lüge.

Für Noa war es das Normalste auf dieser Welt, diesem Konflikt zu entfliehen. Den Mut aufzubringen, um ganz bestimmt Ablehnung zu erfahren, das war für ihn eine abgeschlossene Sache. Also entschließ er sich, das Mädchen mit den eleganten Wangen dort sitzen zu lassen, warten zu lassen, auf wen auch immer.

Zum gefühlt eintausendsten Mal schlich sich ein Ausdruck der Resignation auf sein Gesicht, in seine geradestehenden Mundwinkel, die weder die Tragik dieser Situation visualisierten noch Anzeichen irgendwelcher anderen Gefühlsempfindungen. Mach’s gut, flüsterte er dem Mädchen zu, doch es war zu leise um es durch den Regen zu hören, und ihr Blick war auf einen unbestimmten Punkt der Hochhäuser gerichtet, gedankenverloren, irgendwie verletzlich, hoffnungsvoll, so glasig voller Erwartung. Ihre Augen waren pure Melancholie, schwermütig, unbestimmt, leer, aber vielsagend, für Noa, der sich in dem Konstrukt wiederfand.

Wenn er all das sehen konnte in ihrem Blick, warum verdammt noch mal gehst du dann einfach, schrie die Stimme von irgendwo her, die sich wie so oft nicht erklären ließ, und selten einen eindeutigen Standpunkt fand, ja sie verwirrte Noa oftmals, denn zwischen zwei Wimpernschlägen konnte sie ihm eine regelrechte Kehrtwende fabulieren, wieso bringst du nicht noch ein letztes Mal den Mut auf, um deine Gedanken zu offenbaren, den Weg für die Erkenntnis freizumachen, um abzuschließen, um zu erfahren, wer das Mädchen ist, denn stell dir vor, Sie ist es, Jael, vor dir sitzt das Mädchen, in das du dich verliebt hast, weil du von ihren Zeilen gefangen genommen wurdest, dich so unermesslich hast faszinieren und verlieren lassen in der tiefen Gravur pechschwarzer Tinte, auf einem Liebesbrief, den du fandest, und niemand sonst, vielleicht lag er dort schon lange, und dieser Felix, den du nie mochtest, der in deinen Augen diesen Brief niemals empfangen durfte und es auch niemals verdient hätte, er ist nicht aufgetaucht und hat ihn aufgenommen, nein, du warst es, Jael, nicht er, der Junge, der dich demütigte, lange Jahre der Grund für die allumfassende Einsamkeit war, die dich auf den wichtigsten Jahren deiner Jugend begleitete, er musste doch gewusst haben, dass dort ein Schatz gefüllt mit sehnsüchtigen Worten der Liebe auf ihn gewartet hat, aber scheiße Noa, Er hat ihn dort liegen lassen, für Dich.

Noa schluckte. Unbewusst hatte er sich entfernt vor ihr, dreihundert Meter weit, während seine Pupillen nicht von dem Mädchen wichen, das in dem dichten Regenschauer immer unschärfer wurde, er musste rückwärts gelaufen sein, durch den Spalt zweier riesiger Hochhäuser hindurch, ohne dass er es mitbekommen hatte, zu fokussiert war er auf die eindringliche Stimme von irgendwo her, zu sehr veränderte sich das aus dem Fokus geratene Gesicht des fremden Mädchens auf dieser Bank zu einem vertrauten Schatten seiner Fantasie. Sie nahm Form an. Mit jedem weiteren Regentropfen, der Noa erreichte, der vor ihm auf den Boden aufschlug, sah er mehr und mehr das Mädchen, das ihn verzauberte, mit jedem weiteren Schritt in die falsche Richtung sah er Jael, mehr und mehr.

Halt an, schrie die Stimme von irgendwo her, wieder einmal, noch lauter, noch eindringlicher. Und Noa hielt an. Er stand wieder. Seine Beine waren frei von jeder Bewegung, die ihn in die falsche Richtung laufen ließ, jetzt zuckten sie sogar, um wieder vorwärts zu gehen, geradeaus, dem Schicksal entgegen. Mut baute sich auf, fast war es unmöglich, doch Noa spürte es in den pochenden Venen.

Ohne auch nur den Hauch einer weiteren Verzögerung bewegte er sich wieder auf sie zu, in die richtige Richtung, es hatte etwas magisches an sich, beinahe fühlte er sich getragen, und den peitschenden Regen blendete er aus. Zweihundert Meter noch. Einhundert Meter noch. Er erreichte wieder die Lichtung am Ende der monströsen Hochhäuser.

Und hielt an. Abrupt blieb er stehen. Noa sah, wie sich eine Person näherte. Nicht ihm, sondern dem Mädchen auf der Bank. Schnellen Schrittes ging die Person auf sie zu, und als ihn das Mädchen sah, erhob sie sich, es sah aus, als würde sie sich entfalten. Kein Zweifel, es war der Mensch, auf den sie wartete. Nur war das wirklich das, wofür Noa es gerade hielt? Kam es in der desorientierten Spiegelung seiner Augen gerade wirklich zu dem, was sein entsetzter Gesichtsausdruck vermittelte?

6 Kommentare zu „Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 20/24

Gib deinen ab

      1. … naja sie is mir nach der beleidigten Nummer nicht mehr so sympathisch ^^ … der Unbekannte nimmt seine Kaputze ab, es ist ihre Zwillingsschwester, die den Brief verfasst hat, aber Jael hatt ihn benutzt um Felix zu schreiben ( weil sie es selbst nicht so gut kann^^)
        und die Schwester verliebt sich dann in Noa XD (oder es kommen einfach ganz viele Einhörner…)

        Gefällt 2 Personen

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Bloggen auf WordPress.com.

Nach oben ↑

%d Bloggern gefällt das: