Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 19/24

Seine kalten Fingerspitzen verstecken sich in den Jackentaschen. Eine Hand fühlt das zusammengefaltete Papier, den Brief, Jael’s Liebesbrief, während die andere versucht, sich noch tiefer einzugraben, vor der Kälte zu fliehen. Wer sitzt dort? Noa hatte noch nie jemanden auf dieser Bank sitzen sehen. Weder morgens, wenn er zur Uni lief, noch am frühen Nachmittag, wenn er wieder nach Hause ging.

Soll ich weitergehen und warten, bis die Person weg ist? So tun als hätte ich sie nicht richtig gemerkt? Doch dafür brannte das Aufeinanderprallen ihrer Blicke zu sehr. Es entstand der Eindruck, als säße dort jemand, der auf ihn wartete. Durch den dichten Regen konnte man nicht viel erkennen, nur, dass die Person auf der Bank den Kopf nicht bewegte. Wie festgewurzelt waren unbekannte Augen auf die seine gerichtet.

Noa war nie ein Mensch gewesen, der auf andere zugeht. Er hatte es probiert, ja, damals auf der Gesamtschule und auch noch mal auf dem Gymnasium, aber nie hatte es geklappt. Also stand es für ihn als Tatsache fest, dass das Zugehen auf fremde Menschen in Enttäuschung und Ablehnung mündet. An diesem verregneten Dezembertag aber war es anders. Er machte den ersten Schritt auf die Bank zu. Wie viel mehr könnte er denn überhaupt noch enttäuscht werden? Da war kein Puffer mehr, der auch noch mit den dunklen Farben des innermenschlichen Elends übermalt werden konnte. Ein zweiter Schritt. Gefühlt ist er der immer noch scheinbar gefrorenen Person um acht Meter näher gekommen. Drei weitere Schritte. Wie ein Gang zum Schicksal. Der Weg eines Gebrochenen, zurück an den Anfang, wo alles begann.

Er steht jetzt einen Meter vor der Person, ein Mädchen, wie er jetzt erkennen konnte, die mit verschränkten Armen in der Mitte der Bank sitzt. Ihre Pupillen versuchten in Noa ein bekanntes Wesen zu suchen, sie waren immer noch glasig und unbewegt, vollkommen statisch auf ihn gerichtet.

Du bist es nicht. Noa vernimmt ein Flüstern. Was?, ruft er ihr ein wenig zu laut ins Gesicht, sodass sie erstmals ihren Kopf ruckartig wieder weg von seinem Antlitz bewegt. Ach nichts. Ihre Antwort war jetzt ebenfalls lauter, verständlicher. Nichts also… Was machst du hier? Noa war verwirrt. Kein Zweifel, dass ihm als erstes der unmögliche Gedanke kam, dass es sich bei diesem Mädchen um Jael handelt, doch sie sah ganz anders aus, vollkommen anders als die Jael aus seiner fabelhaften Illusion. Warten. Er konnte nur ihr Gesicht erkennen, der Rest war in einer riesigen Regenjacke versteckt, doch sie hatte zärtliche, rötliche Wangen, sonderbar glatt und mit ein paar wenigen Regenperlen verziert. Auf wen wartest du? Ihre ausdruckslose Miene verfinsterte sich freundlich, aber ablehnend. Nicht auf dich. 

Wer hätte das gedacht, flüsterte jetzt Noa. Wie bitte?, entgegnete das unbekannte Mädchen mit den schönen Wangen. Ach… nichts. 

 

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