Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 18/24

Noa öffnet die Augen. Er ist aufgewacht. Ein Tag der Stille lag hinter ihm, der vollkommenen Resignation. Kapituliert vor der Realität hat er, seine für einen Moment energiebeladene Antriebsschwäche wieder auf den Nullpunkt zurückgeführt. Er richtet sich auf, sein Bett war in dieser Nacht keine schöne Zuflucht. Geplagt von Alpträumen, die suggerierten, dass er nie Liebe empfangen wird. Sein Gesicht zeugte im frühen Mondesleuchten von melancholischer Akzeptanz. Das Fabelhafteste hatte er sich gewünscht, das Schlimmste musste er nun annehmen.

Jael hatte sich verliebt. Aber nicht in ihn, sondern in Felix. Wie ist das nur möglich? Felix ist doch kein guter Mensch?! Er hatte es nicht verdient, von den berührenden Herzenszeilen dieser faszinierenden Unbekannten ergriffen zu werden. So sah es Noa, auch wenn er tatsächlich nicht wusste, ob Felix denn nun wirklich kein guter Mensch war. In jedem humanen Lebewesen währt die Chance, sich zu verändern. Sich zum Guten, oder zumindest zum Besseren zu wandeln. In gewisser Weise hatte Felix diese Möglichkeit genutzt, wenn man bedenkt, dass er Noa auf der Universät nicht mehr demütigte, seine Einsamkeit und Außenstellung nicht mehr für die eigene Profilierung ausnutzte. Das musste sich Noa in diesem Moment auch eingestehen, das hat aufgehört, doch er war weit davon entfernt zu verstehen, wieso ausgerechnet ein in seinen Augen oberflächlicher Angeber eine anzubetende Aura besitzen sollte.

Felix hatte Noa kein einziges Mal mehr auf der Universät gedemütigt. Bis zu dem gestrigen Tag, an dem der falsche Name am Ende eines Liebesbriefes eingraviert war. Noa empfand nie größere Demütigung, gegen all die Spielereien und Bloßstellungen damals war dies von einer anderen Dimension. Er war noch nie verliebt. Als es schien, dass er der Auserwählte für eine allumfassende Veränderung in seinem Leben war, nämlich vom Glück der Zuneigung getroffen zu werden und das zum ersten Mal bewusst wahrzunehmen, wurde er fallengelassen. Der Brief hatte ihn schweben lassen und nach zwei Wochen der innerlichen Aufregung wieder auf den Boden aufprallen lassen. Die Vorstellung war einfach zu unmöglich.

Das abgestandene Fruchtfleisch des Orangensafts sieht wenig einladend aus, stellt Noa fest. Ebenso der angebrannte Toast, der mit ein wenig Fantasie sein Gefühlsleben symbolisierte. Und Fantasie, die hatte Noa. Leider musste er sich eingestehen, dass diese unendlich weit von der realen Welt entfernt war. Der Brief, er war nicht mehr seiner. Er hatte ihn jemanden weggenommen, die Möglichkeit vereitelt, dass durch ihn ein anderer Mensch mit Liebe beglückt wird.

Noa steckt den Brief tief in seine Jackentasche und verlässt die Wohnung. Mit der morschen Bank auf seiner Allee als Ziel. Er werde ihn wieder dort verstecken, an seinen Ursprung zurücklegen. Zusammengefalten, so als wäre nichts passiert. Was blieb ihm auch anderes übrig? Der Brief hatte seinen ganzen Glanz verloren, er funkelte nicht mehr und strotzte nicht mehr voller Bedeutsamkeit, nicht mehr für ihn.

Die Allee auf der Rückseite riesiger Hochhäuser entlang windet sich im Schauer des regendurchtränkten Tages. Noa hat seine Kapuze tief ins Gesicht gezogen. Niemand sollte ihn erkennen, keiner sollte mitbekommen dass er es war, der diesen unsäglichen Fehler begangen hatte. Im Normalfall ist sowieso niemand auf diesem Weg anzutreffen, lediglich die tausend Fenster der Hauswände erlaubten geheime Blicke.

Doch plötzlich erstarrt Noa. Auf der Bank, auf dieser beschissen bedeutungsvollen Bank, sitzt jemand, in eine tiefschwarzen Regenjacke gehüllt. Der geheimste Blick kam nun nicht aus einem der vielen Fenster, nein, er traf stechend in seine Augen, in genau diesem Moment, als das fremde Wesen auf der Bank den Kopf anhebt.

Gewitter liegt in der Luft, die Feuchtigkeit der sich zuziehenden Wolken ist auf Konfrontstionskurs. Da bahnt sich was an.

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