Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 16/24

Noa faltet den Brief auseinander. Wieder einmal. Da ist kein Zeichen der verschüchterten Behutsamkeit mehr, die das Entfalten des Briefes mit seiner imaginären Mithilfe zu einem gemeinsamen Akt machte. Jael’s Brief, ihre Worte, erbarmungslos offengelegt:

Es fällt mir nicht schwer, dir zu schreiben, dass ich Liebe empfinde. Die Blutbahnen zu meinem Herzen sind mit Liebe gefüllt. Ich habe es nie deutlicher empfunden, nie intensiver befürchtet. Unzählige Tage, an denen ich dich beobachtet habe. Unzählige Tage, an denen ich mit mir selbst kämpfte, dieses Gefühl nicht zuzulassen. Dich umgibt eine Aura, die stärker ist als jegliche Selbstzweifel. Prächtige Farben überlagern deine optische Gestalt, die jeden Abend meine Gedanken aufsuchte und mich ganz sanft in den Schlaf gleiten ließ. Ich war verrückt nach dir, nein, ich bin verrückt nach dir. Das mag absurd klingen, weil wir kaum Zeit miteinander verbracht haben. Ehrlich gesagt, keine einzige Sekunde, die echt war. Aber bitte versuch zu verstehen, dass wir beide eine Ewigkeit in meinen Träumen verbracht haben. Du warst immer behutsam, hast mich mit samtigen Händen getragen und keinen Zweifel aufkommen lassen, dass ich eines Tages fallen werde, ohne dass du mich mehr beschützt. Auf alle Zeiten, zusammen. Für immer. Das ist eine unveränderliche Tatsache, ich weiß es. Nur fehlt ein winziger Schritt, um die Vollkommenheit des Glücks zu vervollständigen. Du musst erwidern. Meine Liebe, du musst sie annehmen und erwidern. Strahlen werden wir, wir werden leuchten und funkeln, wenn wir uns zum ersten Mal bewusst begegnen werden, wissend, dass die Entzückung zueinander das fehlende Fragment unseres Schicksals ist. Ich schwelge schon jetzt in der Bedeutsamkeit des Aufeinandertreffens. In einer Woche. In genau 7 Tagen von heute an, an genau dieser Stelle. Ich werde hier sitzen und auf dich warten, den ganzen Abend lang.

In 7 Tagen? Noa stoppte. Nein, das kann nicht wahr sein. Es sind bereits 2 Wochen vergangen, seitdem er den Brief gefunden hatte. Mal hatte er sich getraut, ein paar Zeilen weiterzulesen, an den meisten Tagen aber verfolgte er seinen Tagesablauf in dem Verdruss der fabelhaften Unmöglichkeit, die mit der Konfrontation von Jael’s Brief einherging. Es war schlichtweg zu unmöglich, dass er es wagte, alles zu lesen. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem er davon überzeugt war, das gar nicht mehr zu müssen, bis er für sich selbst erkannte, oder vielmehr, bis ihn die Fiktion seiner Traumwelt damit infizierte, dass dieses fremde Mädchen ihn ausgesucht hatte, dass sie ihn, Noa, liebte. Aber, scheisse, er hatte das Treffen verpasst. Er war nicht dort gewesen, 7 Tage nachdem er den Brief auf dieser liebevollen morschen Bank am Rande seiner Allee gefunden hatte. Alles nur wegen seiner Unfähigkeit, sich mit der Realität auseinanderzusetzen. Er hatte sie dort sitzen gelassen. Das war in dem Moment der Erkenntnis ein furchtbarer Schlag ins Gesicht, noch brutaler, gegen das verbliebene Belastungskunstoff am Synapsenspalt zu seinen Schläfen. Fast schon wollte er in Tränen ausbrechen, da ist dieses zauberhafte Mädchen, sie ist gerade dabei, mir ihre Liebe zu gestehen, dieses Mal auf echtem Papier außerhalb jeglicher Traumsequenzen, doch er hat versagt, ihr in der Wirklichkeit zu begegnen. Was für ein Versagen. Noa schlägt mit der flachen Hand auf den Tisch. Ein stechender, vibrierender Schmerz breitet sich aus, durchdringt seine Fingerspitzen und kämpft sich durch die zitternden Muskeln seines Unterarms. Aber was half der Schmerz der Verzweiflung, noch hatte er das Spiel um das Finden der Liebe, das Finden von Jael nicht verloren. Nein, noch ist nichts verloren. Sie kann nach dieser Gefühlserklärung doch nicht alles auf eine Karte setzen. Sie wird doch nicht alles auf dieses eine Treffen gesetzt haben. Seine glasigen Augen richteten sich wieder auf das Blatt:

Du hast genug Zeit, dir deiner Gefühle klar zu werden. Dir bewusst zu werden, dass ich dir verhelfen werde, dass deine über alles triumphierende Aura auch nach innen scheint, bis zu deinem Herzen. Sie wird nicht mehr nur ein visueller Lichtpunkt deines Lebens sein, eine glänzende Flamme. Sie wird fortan auch dein Herz erleuchten. Weil ich nun da bin. Ein Teil von ihr bin. Sie nach innen, tief zu dir selbst trage und das Glück realisiere, dass ich selbst erwarte. Bitte fühle dich nicht überrumpelt, du brauchst auch keine Angst zu haben. Das Gute wird zueinander finden. Ich habe den meinen Schritt getan, nun fehlt noch der deine. Ich will es dir noch einmal schreiben, das erste Mal, und sogleich ein letztes Mal, bevor wir die Chance bekommen werden, es in unsere funkelnden Augen zu sagen, ohne die Worte mit meinen hoffnungsvollen Gedanken zu verzieren, ich schreibe es dir nun direkt, ohne jegliche Hemmung, die mich davon abhalten könnte, denn das Gefühl ist bei mir angekommen, unausweichlich, unveränderlich, und aus diesem Grund muss ich es dir jetzt mit aller Wahrheit und mit tief in das dünne Papier eingravierter Tinte aufschreiben, ohne auch nur einer weiteren Sekunde der unsicheren Verzögerung, es steht jetzt hier, geradewegs aus meinem Herzen: Ich liebe dich, Felix.

Schockstarre platzt unfassbar bedrückend in die vier Wände seiner Wohnung und breitet sich fluchtartig aus.

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