Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 15/24

Dezembertage. So grau und trist und kalt. Innehalten. Sich besinnen. Auf das Wesentliche, auf die Familie. Den persönlichen Hafen der Zuflucht finden, sich geborgen fühlen. Überraschungen bahnen sich an. Geschenke wollen gekauft und geöffnet werden. Lächelnde Gesichter als erlebbares Hochgefühl. Eine traumhafte Vorstellung.

Für Noa war das alles ein abstrakter Gedanke. Seine Eltern hatte er an diesem Tag zum ersten Mal seit Jahren wieder zusammen gesehen, und wer, wenn nicht sie sollten die Möglichkeit besitzen, Geborgenheit zu vermitteln? Doch in den Abendstunden, als sich die Situation wieder normalisierte, blieben nur ihre Schatten zurück. Ehrliche Sorgen gepaart mit der Unfähigkeit, dem Sohn zu helfen. Kurz stellte er in Frage, ob sie tatsächlich da gewesen waren, oder ob er dies auch nur fabuliert hatte. Denn jetzt saß er wieder da auf seiner Couch, starrte auf den leblosen Fernseher und bekam das irritierende Gefühl nicht los, etwas Unmögliches erlebt zu haben, unwissend darüber, ob das etwas gutes oder etwas schlechtes bedeutete.

Der Brief. Ausgebreitet auf dem leeren Platz neben ihm. Gediehen. Ja, wahrlich. Er hatte ihn geöffnet und ihn gedeihen lassen, seine Worte zu übernatürlichen Gedanken gesteigert und alles in einer menschlichen Epiphanie zusammengeführt. Wahnsinnig. Wahnsinnig war aber auch die Tatsache, dass er ihn noch nicht zu Ende gelesen hatte. In der Tat konnte er nicht wissen, was noch in dem Brief geschrieben steht. Er ging einfach nicht davon aus, dass dort noch ein paar Zeilen auf das weiße Papier manifestiert waren, die alles auf den Kopf stellen könnten, die entgegen seiner gesamten Vorstellung urplötzlich ein ganz anderes Bild beschwören könnten. Ein gefährlicher Umstand.

Noa konzentrierte sich auf sein Dasein. Er war da, er lebte, es ging ihm gut. Er hatte vieles gesehen in den letzten Stunden, viele unmögliche Begebenheiten. Die größte Unmöglichkeit davon war, dass Jael ihm ihre Liebe gestanden hatte. Fabelhaft. Einfach fabelhaft. Aber unmöglich. Einfach unmöglich.

Die Stunden vergingen. Noa dachte so intensiv nach, dass ihm bald die Schläfen schmerzten. Er wollte, jetzt, wo er wieder bei allen Sinnen war, noch einmal ganz klar sehen. Erkennen können, was vor sich gegangen ist, und noch viel wichtiger, was das für ihn bedeuten solle. Was sollte er jetzt machen? Sie finden? Er hatte eine ungefähre Vorstellung ihrer optischen Gestalt, aber worauf basierte seine Vorstellungskraft? Auf das unbewusste Wunschbild, wie ein wunderschönes Mädchen aussehen sollte? Oder hatte er sie schon einmal gesehen, sie aber nie wirklich wahrgenommen? Bis zu diesem Zeitpunkt, bis eben zu seinem Zusammenbruch.

Jael’s Worte, sie hatten einen wahren Kern. Noa war nicht darauf vorbereitet, Liebe zu empfangen, und in gleichem Maße ebenso wenig, Liebe zu geben. Das wirkte so brutal auf seine Befindsamkeit ein, dass er zusammensank, vor Verzweiflung zu weinen begann und sich gegen die Realität zu sträuben versuchte. Er hatte keine Chance gegen die gewaltige Einwirkung auf ihn. Auch wenn die Fiktionalität seiner unwirklichen Gedanken so real wie unmöglich erschien, Noa tat alles daran, sie zu etwas greifbarem zu machen, sie zu materialisieren. Er wollte sie echt werden lassen. Aus diesem Grund, aus diesem Wunsch heraus stand für ihn letztendlich am Ende des Abends, am Endes dieses bemerkenswerten Tages fest: Ich werde Jael finden. Ich werde Jael sagen, dass ich sie auch liebe.

Sein Entschluss verdrängte fast die Tatsache, dass er den Brief noch nicht zu Ende gelesen hatte. Beinahe erschien es ihm auch nicht mehr wichtig, denn er wüsste ja nun Bescheid. Er weiß es jetzt. Aus diesem Grund fing er an, den Brief wieder zusammen zu falten, den Liebesbrief wieder in die Form zu bringen, in der sie Jael zuletzt in den Händen gehalten hatte. Doch kurz bevor das Blatt wieder vollkommen zusammengefaltet war, vibrierte sein Handy. Im ersten Moment erinnerte ihn das Vibrieren an das bizarre Herzklopfen, doch es blieb bei einem nachwirkenden Schlag in die gedämpften Stoffe der Couch. Noa hielt inne, legte den Brief beiseite, wobei er sich wieder ein wenig auseinanderfaltete, und schaute auf sein Handy. Nur selten bekam er Kurzmitteilungen, daher versetzte ihn jedes einzelne Vibrieren in erwartungsvoller Aufregung.

Eine Nachricht von seiner Mutter. Bestimmt möchte sie sich nur erkunden, ob ich denn wirklich wieder fit bin, es mir wirklich wieder gut geht. Aber nein, das wollte ihm seine Mutter nicht mitteilen:

Lies’ ihn nicht weiter. Lies’ den Brief nicht weiter, hörst du Noa? Es tut mir unendlich leid, ich hätte den Brief einfach dort liegen lassen solllen… du hast so viel geredet, Noa, du hast so viele in Sehnsucht getränkte Sätze gesagt, das waren Formulierungen der Liebe, Noa, solche die auch ich in den Anfängen meiner großen Liebe zu deinem Vater gesagt hatte, die ich in die Welt herausschreien wollte, Noa, das ist völlig okay, aber du warst nicht bei Bewusstsein, das waren nur deine Gedanken, aus deiner Traumwelt, Noa, ich dachte, diese Zeiten wären vorbei gewesen, bitte höre auf deine Mutter, lass den Brief einfach dort liegen und lies’ ihn auf keinen Fall weiter, ich möchte das nicht, Noa, du wirfst ihn weg, hast du mich gehört?

Stille schwingt durch den Raum, lässt alles erzittern, Gänsehaut steigt aus den Poren seiner Haut hervor. Was wollte seine Mutter ihm damit sagen? Lies’ ihn nicht? Er war doch sowieso gerade dabei, ihn zusammen zu falten, ihn wegzulegen. Er brauchte ihn doch gar nicht weiterlesen.

Jetzt aber konnte er nicht anders. Er verstand die Worte seiner Mutter nicht, er wollte sie auch gar nicht verstehen. Hasserfüllt war er, sie kann doch nicht einfach den Brief lesen, meinen Brief. Wieso sagte sie ihm das? Wollte sie nicht, dass er glücklich ist?

Entgegen der warnenden Worte seiner Mutter griff er beherzt nach dem Brief und entfaltete ihn wieder. Nun musste er weiterlesen. Er hatte wieder einmal keine Wahl.

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