Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 11/24

Kalt ist es draußen, es regnet und der eisige Wind hinterlässt vielerlei Schauer auf den Rücken der Studenten, die vermummt in Regenschirmen und weit zugeknöpften Jacken den Weg zur Universität aufsuchen. Unter ihnen fehlt jedoch einer, vielleicht sogar zwei. Unvollständig ist der Vorlesungssaal, zur ersten, wie auch zur zweiten Vorlesung.

Die Anwesendheitsliste geht herum. Ein kurzer Halt am Sitzplatz recht mittig. Felix ist nicht da, doch er lässt sich von einem Freund eintragen. Ein paar Meter weiter eine weitere kurze Unterbrechung, als die Liste auf einem weiteren leeren Platz liegt. Noa ist nicht da. Ihn trägt keiner ein. Sie überfliegen regelrecht den unbesetzten Platz, so als hätte dort noch nie jemand gesessen. In dem Bewusstsein der Studenten fehlte an diesem Tag einer, vielleicht aber auch zwei, möglicherweise saß auf dem zweiten Platz im Normalfall ja auch jemand.

Im Gegensatz zu Felix fehlte Noa nicht oft. Nun, er ging zwar selten zur ersten Vorlesung, doch die Zweite verpasste er nie. Also gerade noch das Maß an Beteiligung, das von der Universität nicht hinterfragt wurde. Die Dozenten konnten zwar sehen, wer wie oft fehlte, doch in letzter Instanz mussten sie die Listen an die Leitung abgeben, die diese wiederum ohne einen Blick in überfüllte Dokumentenschränke ablegten.

Würde die Universitätsleitung die Listen regelmäßig durchgehen hätten sie mit Sicherheit bemerkt, dass dort eine Unregelmäßigkeit versteckt war. Von den 87 Tagen, die Noa schon auf die Uni ging, fehlte er nicht ein einziges Mal in der zweiten Vorlesung. Sie hätten bemerkt, dass etwas nicht stimmte, sie hätten sich erkunden können, wieso Noa an diesem Tag nicht da war. Aber so bemerkte es die Leitung nicht, der Dozent nicht, scheinbar auch kein Student, niemand.

Dass Felix fehlte war allen klar. Unbewusst gab jeder im Saal einen flüchtigen Blick auf seinen Platz. Seine Ausstrahlung, die nicht zu verfehlende Sichtbarkeit seiner Person, war auch auf der Uni unverändert. Er war beliebt. Eine Tatsache, die niemand in Frage stellte.

Noa war nicht unbeliebt. Er war nur nicht da. Die Studenten waren in gewissem Maße reifer als noch auf dem Gymnasium, wo man aus der offensichtlichen Unsichtbarkeit eines Jungen Profit schlagen konnte, sich profilieren konnte, indem man ihn demütigte. Die Angriffe gegen ihn haben mit den Jahren abgenommen und das Abschlussjahr überstand er beinahe ohne besonders einschüchternden Vorkommnisse.

Auch wenn Noa sich schwor, nie wieder in eine Schule zu gehen, verschlug es ihn auf die Uni, ja sogar in das gleiche Thema, das auch Felix auswählte. Nicht nur dass beide keine Ahnung hatten, wieso sie den Studiengang gewählt hatten, vermutlich aus Perspektivlosigkeit ihres durchschnittlichen Abiturs, es war auch ein ungewünschter Zufall, dass ausgerechnet diese beiden so immens groß unterschiedlichen Typen sich auch weiterhin begegnen mussten.

Noa malte sich schon das schlimmste Szenario aus, das den Alltag auf der Uni begleiten würde, doch es kam anders, denn Felix hatte keinerlei Interesse mehr daran, seine Stärke durchs Verachten der Schwächeren zu festigen. So mit war Noa für Felix genauso unsichtbar, wie für vermeintlich alle anderen auch.

Doch wo war Noa an diesem Tag?

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