Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 10/24

Heimkommen. Noa erinnerte sich wenige Meter vor seiner Haustür an das Zitat, das ihn viele Jahre der Einsamkeit erträglicher gemacht hatte, indem er sich auf die Schönheit einsamer Momente konzentrierte. Kam er gerade auch heim? Oder war es nur das etwas schwächere nach-Hause-kommen? Und ist er überhaupt je an den Punkt gelangt um sagen zu können, dass er heimgekommen ist?

Der Auslöser für diese Gedanken war nur allzu offensichtlich der offengelegte Brief, der ihn erwartete. Auch wenn es nur ein Gegenstand war, etwas augenscheinlich Unlebendiges, so funkelte er geradezu nach lebhafter Dynamik, nach einer fantastischen Übertreibung des Möglichen, ja Noa spielte geradezu mit der Fiktion sich loslösender Buchstaben und Wörtern, die einen Sturm der anzustrebenden Illusion in die leeren Wände seiner kleinen Wohnung brachten.

Es klopft. Noa bleibt stehen. Es klopft. Von Innen. Der Wohnungstür. Er stagniert augenblicklich, den Schlüssel einsteckbereit in den Fingerkuppen seiner rechten Hand haltend. Wieder. Es klopft wieder. Ein dumpfer Bass dringt mit doppelter Frequenz durch die dünne Holzbeschichtung. Noa’s Augen sind weit aufgerissen, elektrisiert. Keine Einbruchsspuren. Spannung durchfährt seine Glieder. Seine Beine schmelzen, kein Halt mehr, nur noch Wasser, keine Knochen. Wieder klopft es, schneller, progressiv, fortschreitend ernster. Unmöglich, sich jetzt zu bewegen. WER IST DA?, schreit Noa dem pochenden Klopfen entgegen. WER VERDAMMT IST DA?, Keiner hatte je Zugang zu seiner Wohnung, niemand hat ihn dort je besucht. HÖR AUF!, schreit er vergebens, es hört nicht auf, es klopft und klopft und macht ihn ganz wahnsinnig, das Klopfen wird zu einem boshaften Sekundenzeiger der Verzweiflung in den Muscheln seiner auditiven Empfängnis, die mit jedem weiteren Schlag gegen das Innere der Tür in einem Meer voller Angst zu ertrinken droht, was geschieht hier gerade, seine Gedanken verkrümmen sich zu Fragmenten, Tränen reißen sich aus den Schatten seiner Pupillen und brennen auf der erbleichten Haut des Gesichts, weiße Blitzlichter verschleiern die gewöhnlichen Formen seines Blickfeldes, ein in sich drehender Kreis verschlingt die Bildpunkte seiner Wahrnehmung, und es klopft, es klopft so intensiv wie brutal, während sein desorientiertes Herz kaum noch mithalten kann und plötzlich ist es… schwarz.

Ich habe auf dich gewartet. Sagte sie und streckte ihre Hand aus. Du brauchst jetzt keine Angst mehr zu haben. Du bist jetzt bei mir. Ich habe dir von meinen Gefühlen erzählt. Zumindest wollte ich es, du hast ja nicht einmal die Hälfte gelesen. Warum denn nur? Er ist doch für dich. Ich habe ihn doch nur für dich geschrieben. Du bist doch der Einzige, den ich jeden Tag von meinem Fester aus beobachten kann, wenn du hinter den Hochhäusern zur Uni gehst, auf diesem Weg der Einsamkeit. Es ist dein Brief. Warum hast du denn so große Angst davor? Meine Gefühle warten so sehnsüchtig darauf, von dir aufgenommen zu werden. Sie wollen sich mit dir vereinen, wie kannst du das denn übersehen? Wenn ich dir nicht gut genug wäre, warum begegne ich dir dann in jedem deiner Träume? Ich habe keine Zweifel. Du solltest auch keine haben. Lass sie los, lass sie einfach los und löse die Unmöglichkeit.

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