Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 9/24

Der Tag begann mit einer fabelhaften Entzückung. Noa las den Brief, als wäre es seiner. Streng genommen war es aber nicht seiner, er wusste nicht, für wen der Brief geschrieben worden ist. Er wusste nur, dass Jael, ein geheimnisvolles Mädchen, ihn geschrieben hat.

In der Uni fokussierte er sich auf das Geschehen vor ihm, nicht in ihm. Er dankte der Energie, die der Brief ihm einbrachte, die ihn beim Lesen durchdrungen hatte. Es schien, als hätte er nach Monaten endlich mal wieder bewusst mitbekommen, was die Dozenten eigentlich mitzuteilen versuchten. Gleichwohl aber zeigten sich die Mitstudenten unbeeindruckt von der innerlichen Aufbruchstimmung, wie auch, es war weiterhin nur sehr spärlich mitzubekommen, was in Noa vorging. Nach außen hin blieb er unsichtbar. Fast unsichtbar, man hätte ihn wahrnehmen können, denn an diesem Tag flackerte er von Zeit zu Zeit auf, seine Gestalt, sie flackerte und blitzte und zuckte im Schein der Wintersonne und der grellen Leuchten des Vorlesungssaals. Es war wie ein Übergang von einem Programm zum anderen, der sich vollziehen wollte, doch so viel Kraft hatte er dafür noch nicht. Die Energie, sie war da, aber noch reichte sie nicht aus. Und so verbrachte er auch diesen Tag in der Einsamkeit seines Daseins, beobachtend, gefühlvoll, wahrnehmend, mit dem Ansatz eines Lächelns auf den Lippen, fast schon glücklich, aber alleine.

Noa war nicht immer alleine. Auf dem Gymnasium, nachdem Felix sich nachhaltig um die Außenseiterrolle gekümmert hat auf Basis seiner furchtbar schlimmen Erkenntnis, dass Noa einen Mädchennamen besaß, gab es einen Tag, an dem sich zumindest kurzfristig etwas zu verändern schien. Er saß wie gewöhnlich auf seinem Stein, dem viel getuschelten Außenseiterstein, den es vermutlich auf jeder Schule gab, einst auf der Gesamtschule, so wie auf dem Gymnasium, auf dem Schulhof, unwissend, dass er nicht der einzige Einzelgänger war. Doch an diesem Tag kam ein Junge auf ihn zu, er müsste in seinem Alter gewesen sein, vielleicht geht er sogar in die gleiche Stufe wie ich. Noa hatte ihn noch nie gesehen und er zuckte leicht, als der Junge festen Schrittes, sehr bestimmt, auf ihn zukam. War das jemand, der ihn wieder einmal einfach nur einschüchtern wollte, um den Respekt seiner Clique wiederzuerlangen? Das war meist die einfachste Methode, sich den Weg zurück zu erkämpfen. Und so schien es auch. Du Arschloch! Ja, vermutlich war er heute wieder dran. Noa verschloss kleinmütig die müden Augen, viel zu müde von dem bekannten Prozedere. Erst beleidigen sie, dann kriegt er einen Tritt, dann müsse er sich entschuldigen, für seine Existenz oder so. Er dachte sich, Mach, los, mach!, und wollte es kurz und schmerzlos hinter sich bringen. Doch es kam anders.

Das ist mein Stein!, schrie ihm der Junge mit leicht rötlichem Haar, vereinzelten Locken und ernsten Augen ins Gesicht. Was? Noa schien nicht ganz zu begreifen. Das ist verdammt noch mal mein Stein! Hast du nicht bemerkt, dass ich hier immer saß, bevor du eines Tages so frech warst ihn dir einfach zu nehmen? Hast du mich hier nicht sitzen sehen? Das war mein Stein! Während der Junge diese sorgenvollen Worte aus seiner verletzten Seele herausrief, lief Noa eine Träne über das Gesicht. Er kannte das Gefühl zu gut, dieses nicht bemerkt werden, und da war plötzlich dieser Junge, dem das Gleiche passierte. Schlimmer noch, ER war der Übeltäter, er hatte ihn auch nicht gesehen, mitbekommen, wahrgenommen, in den ersten Wochen auf dem Gymnasium, als alles noch so schien als könne er sich integrieren in den normalen Alltag eines Schülers mit… Freunden. Bis halt zu jenem verhängnisvollen Tag als Felix eine unsichtbare Trennlinie zwischen Noa und dem Rest der Schule zog, die sich wie eine unzerstörbare Mauer anfühlte. Es tut mir leid… brachte er zögernd heraus. Es tut dir leid? wiederholte der Junge mit plötzlich beruhigter Stimme. Ja, es tut mir leid!, sagte Noa noch einmal mit etwas mehr Entschlossenheit. Der Junge schaute ein wenig skeptisch, aber akzeptierte es schlussendlich, in dem er behutsam nickte. Denkst du auch dass ich nicht normal bin? Noa weiß nicht so recht, warum das in diesem Moment aus ihm herausschoss, warum er das den fremden Jungen fragte. Wie meinst du das? Erstaunt erwartete der Junge eine Antwort auf seine Gegenfrage. Nunja, alle sagen doch, ich sei nicht normal, ich sei eigentlich ein Mädchen, du weißt, wegen meinem Namen… Noa schaute auf den Boden. Ja, brachte der Junge nur hervor, also, ja, habe ich mitbekommen. Aber bist du denn auch ein Mädchen? Noa schaute entsetzt wieder auf. Nein, verdammte scheisse, bin ich nicht. Beinahe wollte er noch schwermütig anfügen, Das sieht man doch!!, aber der fremde Junge schnitt ihm die Luft für einen weiteren Satz ab. Na also!, sagte er, als wäre es so selbstverständlich, wie es für Noa auch sein sollte.

Fortan saßen sie zusammen auf dem Stein, der gerade so groß war, dass man zu zweit darauf sitzen konnte. Als hätte man bei seiner Platzierung am Rande des Schulhofs darauf geachtet, dass er gerade eben noch Platz für zwei Außenseiter bietet. Sie hätten sich so viele Sachen erzählen können, sie hätten sich gegenseitig Halt geben können, sie hätten beste Freunde werden können. Stattdessen aber saßen sie einfach nur da, jede Pause, und starrten gedankenverloren auf die anderen Schüler. Sie waren einfach nicht in der Lage, dem Umstand der Ablehnung zu entgehen, dabei hätten sie doch einfach miteinander reden müssen. Aber auch wenn das nicht passierte, so wurde die Einsamkeit auf dem Stein geteilt, sie nuancierte sich auf zwei einsame Seelen, sie halbierte sich pro Kopf. Das machte die Zeit auf dem Gymnasium ein wenig erträglicher, auch wenn es sich stets so anfühlte, als säße Noa neben einem unbekannten Lebewesen, das er ebenso wenig verstand wie sich selbst.

Eines Tages war der fremde Junge weg. Er war einfach weg, ein volles Jahr vor dem Abschluss. Seine Hälfte der Einsamkeit jedoch ließ er auf dem Stein zurück und so verbrachte Noa das letzte Schuljahr wieder alleine, mit der vollen Last vereinsamter Leere auf seinen Schultern.

Als die letzte Vorlesung für den Tag beendet war, rannte Noa zurück nach Hause. Er hatte das Gefühl, dass etwas auf ihn wartete.

 

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