Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 8/24

Er richtet sich auf. Es ist halb fünf. Morgens. Nunja, mitten in der Nacht. Die erste Vorlesung in der Uni besuchte er in der Regel sowieso nicht, daher begann sein Morgen meist erst gegen 10 Uhr. Heute jedoch nicht. Heute beginnt sein Tag um halb fünf morgens. Drei Stunden Schlaf reichen eh völlig aus…

Völlig übermüdet schlurft er in die Küche, macht sich einen Kaffee, geht ins Wohnzimmer und lässt sich eingedeckt mit einer warmen Kuscheldecke auf seiner geliebten Couch nieder.

Da bist du ja. Die Worte aus Noa’s Stimme klangen nach Zuversicht. Ich lass dich nicht sterben. Scheissegal, ob ich derjenige überhaupt sein soll, der dich rettet. Aber ich war es, der deinen Brief gefunden hat, ich war es, der dich nicht übersehen hat. Noa tat alles daran der Welt zu zeigen, dass es ihn gibt, dass er seine eigene Unsichtbarkeit ausgleichen konnte, dass er zu etwas Großartigem imstande ist und sei es nur die nach Rettung schreienden Gefühle eines fremden Mädchens aufzufangen.

Ich habe mich in dir verloren. In deinen Blicken, die du mir unbewusst zuwirfst. Ich zweifelte Ewigkeiten, ob du mich denn wirklich siehst, mich wahrnimmst. Manchmal schien es, als würdest du durch mich hindurch schauen, bis an die harte Wand, an der ich lehnte. Manchmal schien es, als wären deine Augen nicht dein Eigen, als wären deine Augen nicht imstande das Bild in deinen Kopf zu transportieren, dass sie mit aller Strahlkraft doch hätten sehen müssen. Mich hätten sehen müssen. Mich, wie ich dort im fantastischen Gefühlschaos angewurzelt stand, blühend, gedeihend, jeden einzelnen Tag, an dem meine Gefühle kräftiger wurden, intensiver, mutvoller. Bis dass sie schließlich so ein unglaubliches Volumen besaßen, dass sie mein Herz zurück holten, das in der Unendlichkeit gefangen schien. Kannst du dir das vorstellen? Du hast mein Herz wieder in meine Brust gepflanzt, du hast das furchtbar weggesperrte Gefühl zurück geholt. Du warst das. Nur du allein. 

Ein Lächeln verdrängt die wehmütigen Falten in Noa’s Gesicht. Ich, allein. Das war so fabelhaft wie unmöglich. Doch war er fasziniert davon, fasziniert von der fabelhaften Unmöglichkeit, die sich nahezu infizierend in seinem Kopf breit machte, sich niederließ und gemütlich wie zufrieden ihren Platz einnahm. Noa merkte diesen Umbruch in dem Strom seiner Gefühle, es war, als würde die Richtung geändert werden, als würden die Gefühlsatome die deprimierende Einbahnstraße verlassen, um nach hoffnungsvolleren Wegen zu suchen.

Das reicht für heute. Den Rest wollte er sich für später aufheben, den Rest des Briefes, der in einer perfekten winzigen Schreibschrift geschrieben war, denn er merkte, wie ein Funken Glücklichsein durch seine Adern floss. Energie. Für den heutigen Tag. Noa ging sogar zur ersten Vorlesung in der Uni, die widersinnige Befleckungstaktik des Teppichchamäleons, das, wie Noa es mit aller Wahrscheinlichkeit richtig auffasste, ein farbenfrohes Muster aufweisen konnte, das so trivial wie seine Namensgebung war. Immer wieder faszinierend, wie ein Dozent so voller Lebendigkeit strotzen kann, wenn er lediglich über ein kleines Reptil lehrte, das achttausend Kilometer entfernt im Dschungel von Madagaskar dahinvegetierte. Irgendwie inspirierend. So wie Noa’s fabelhafter Brief.

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