Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 6/24

Es fühlte sich wie ein knallharter Schlag ins Gesicht an. Da kreisen Noa’s Gedanken tagelang, wochenlang, ja über Monate hinweg nur um die allgegenwärtige Einsamkeit in seinem Leben und dann kommt dieses Mädchen mit dem geheimnisvollen Namen Jael, schreibt diesen blöden Brief und spricht von der strahlenden Sichtbarkeit einer unbekannten Person. Also von einer Person, die das komplette Gegenteil von mir ist.

Sie hatte Noa nicht daran gehindert, den Brief aufzuheben. Sie ist nicht dazwischen gesprungen, als er ihn entfaltete. Sie hat es einfach so geschehen lassen. Aber wieso? Nur weil er sie nicht gesehen hatte, heißt das nicht, dass sie nicht da war.

Tief in Noa war von dem ersten Moment an, als er den Brief fand, eine leidenschaftliche Hoffnung verborgen, dass dieser Brief für ihn geschrieben worden ist, so unmöglich das auch erschien. Das war der Grund, weshalb er ihn einfach nicht dort liegen lassen konnte, dieser Bruchteil von einer Chance, diese fabelhafte Unmöglichkeit.

Seine Augen wendeten sich resigniert zum Boden. War ja klar. Wie konnte er auch nur ansatzweise denken, dass dieser Brief für ihn geschrieben worden ist. So naiv, so verdammt naiv. Er stieß einen tiefen Seufzer aus und legte den Brief zurück auf den Tisch. Der Axolotl war in diesem Moment erstaunlich ruhig. Zu ruhig für die penetrante Enttäuschung, die gerade in Noa vor sich ging. Bist du noch da?, fragte Noa ganz vorsichtig und sah, wie das Herz des Molches neben ihm lag, bebend, pulsierend, aber herausgerissen, voller Blut, das die pechschwarzen Farben der Couch überlagerte. Hilflos sah er aus. Die Augen so offen, so verletzlich, so tränenunterlaufen. Noa dagegen schaute nur verwirrt und unfokussiert auf das Treiben auf seinem Sofa.

Alles an mir erholt sich, wächst nach, entsteht neu. Nur mein Herz nicht. Ist es einmal herausgerissen, war’s das für mich. Davon kann ich mich nicht erholen. Der Axolotl schien verzweifelt zu sein. Und traurig, todtraurig. Seine Lebenslust lag neben ihm, unwiderruflich herausgerissen. Noa ertrug diesen Anblick nicht. Zu bekannt war das für ihn, nur allzu gewöhnlich.

Weißt du, wir haben doch die Nanotechnologie. Damit kriegen wir dich wieder hin. Dein Herz wird schon sehr bald wieder in deinem fabelhaften Gewebe verbunden sein. Es wird wieder funktionieren. Du wirst wieder fühlen können. Du wirst wieder lebendig sein. 

Moment mal, gab Noa gerade Tipps? Gab er gerade Tipps, wie das Lebewesen auf seiner Couch mit der Situation umgehen sollte? Dass alles wieder gut wird? Ausgerechnet Noa?

Welche Technologie würde Noa’s Herz wieder zusammenflicken? Würde ihn wieder lebendig machen? Würde aus ihm wieder einen glücklichen Jungen machen?

Noa war außer sich. Im wahrsten Sinne des Wortes. Der Axolotl, der Brief, diese verdammte Welt. Das war zu viel für ihn, in diesem surrealen Moment. Ihm wurde schwarz vor Augen. Plötzlich saß er wieder auf dieser gottverdammten grünen Wiese in der Traumwelt, mit er doch schon längst abgeschlossen hatte.

Was Noa nicht wusste, der Brief, der Liebesbrief besaß die unglaubliche Kraft, ihn zu retten, ihn wieder lebendig zu machen, fühlen zu lassen. Nur würde er es herausfinden?

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