Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 5/24

Ein sprechender Axolotl. So weit ist es also schon gekommen. Noa zweifelte an seinem Verstand. Gleichwohl amüsierte er sich aber auch über die Vorstellung, dass ein sprechender Molch mit ihm auf seiner Ikea-Couch saß, regungslos auf den furchtbar tiefschwarzen Bildschirm starrend. Was hast du gesagt?, fragte Noa in die Leere des Raumes. Lies ihn!, sagte ich, lies ihn schon weiter. Wir müssen. Wir wollen es doch herausfinden. Der Axolotl war lebendig.

Wir müssen? Noa war bestürzt. Was fällt diesem kleinen Vieh ein, seine Einsamkeit zu stören? Hatte Noa ihn hereingebeten? Wollte Noa dass der fiese Axolotl sich neben ihn setzt? ER wollte es doch herausfinden, nur Er und nicht dieses schreckliche Wir. Da bekommt man einmal die Möglichkeit, in der Schönheit des einsamen Augenblicks etwas für sich ganz alleine herauszufinden, zu entdecken, ja, zu entfalten… und dann wird man von einem sprechenden Molch dabei gestört, der völlig frech an dieser fabelhaften Entdeckung teilhaben will. Sie saßen zu zweit auf der Couch und starrten auf den Brief. Das ist nicht fair, dachte Noa.

Jeden Abend saß er hier, alleine, schaute auf den Bildschirm seines Röhrenfernsehers, der nur selten eingeschaltet war. Er empfand die kurzwelligen Lichtstrahlen des Fernsehprogramms als einen Eindringling in sein Leben. Sie erschufen vor Noa’s Augen eine Welt, die ihm fremd war, befremdlich. Entweder strotzte sie vor Verblödung und riesigen, unerklärlichen Fragezeichen oder aber sie berichtete von dem Leben der normalen Menschen, der glücklichen Menschen. Um der Konfrontation seines Daseins mit diesem gezeichneten Weltbild zu entgehen, blieb der Fernseher meistens aus und er starrte einfach nur einsam und allein auf die kalte Oberfläche des Bildschirms. Jetzt aber, wo er eine Entdeckung in seinen Händen hielt, war da plötzlich noch jemand, noch ein Wesen, das diesen wunderbaren Augenblick zerstören könnte. Das ihm die Schönheit der Einsamkeit verwehren könnte. Warum ausgerechnet jetzt?

Noa schloss die Augen, öffnete sie wieder und schielte auf die zweite Couchhälfte. Scheisse. Der Axolotl war noch da. Klein, zerbrechlich, geheimnisvoll. In Zeitlupe suchte der träumerische Blick des Molches Kontakt mit Noa’s Augen und traf sie in einer Sekunde der Verwundbarkeit. Scheiss drauf. Wenn mir ausgerechnet jetzt mein Schicksal die Einsamkeit nehmen will, die Angst vor dem Brief, die zögernde Lethargie seiner Fingerspitzen, die den Brief in seinen Händen so zärtlich umklammerten, dann ist das wohl so. Noa akzeptierte es. Er akzeptierte das Wesen auf seiner Couch.

Jael’s Brief in seinen Händen. Noa grinste. Der Axolotl grinste. Das sonst so triste, graue Zimmer füllte sich mit unsichtbarer Energie, ein heller Schein, der die einbrechende Dunkelheit zurückdrängte. Sie bündelte sich in Mut. Die grinsenden Wesen auf dem Sofa schauten sich noch einmal an und sie nickten im gleichen Moment. Noa öffnete Handflächen, gab dem Brief kurz die Chance sich selbst zu entfalten, griff unterstützend ein und legte ihn ausgefalten auf den Tisch.

Vielleicht kennst du mich nicht. Vielleicht hast hast du mich noch nie gesehen. Vielleicht bin ich für dich unsichtbar. Ganz bestimmt aber kenne ich dich. Ich sehe dich. Jeden Tag. Du strahlst, du bist sichtbar.

Noa stoppte.

 

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