Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 4/24

Ein süßlicher Geruch hüllt die Allee entlang der Hochhäuser in einen Schleier der Versuchung. Es muss von einem der vielen offenen Fenster kommen, ein Duft voller Appetit und Geborgenheit. Noa dachte an seine Großeltern. Immer wenn er sie besuchte, fühlte er den selben Duft. Schon von weitem, wenn es auf die Haustüre zuging. Das gab ihn die Gewissheit, dass alles okay ist, das alles in Ordnung ist. Die Welt war nur halb so schlimm, wenn er auf dem kuscheligen Sofa saß, eingehüllt in Decken und warmen Socken, auf dem dem Fernseher eine der unzähligen Dokumentationen über Kanadas fabelhafte Natur und friedlichen kleinen Städte lief und die Oma das dampfende Essen im Ofen und das zuckersüße Enkelkind im glücklichen Blick hatte, während der Opa scheinbar unfassbare Freude daran fand, die letzten noch fehlenden Puzzleteile mit Noa zu finden und sie jauchzten und grinsten über beide Ohren, wenn sie sich mal wieder mit einem größeren Puzzle übertroffen hatten. So fühlt sich das an, wenn alles in Ordnung ist. 

Alles in Ordnung. War in Noa’s Welt zu irgendeinem Zeitpunkt einmal alles in Ordnung? Noa kann sich bei der Erinnerung, hervorgerufen durch einen nur allzu bekannten Duft, an keinen Moment in seinem Leben erinnern, wo wirklich alles in Ordnung war. Ist das überhaupt möglich? Hat je ein Mensch das je erleben dürfen, das alles in Ordnung war? Er sah sich mit diesem Gedanken auf dem richtigen Weg, um die Tatsache zu beschönigen, dass er sich an keinen Moment erinnern konnte, in dem wirklich alles in Ordnung war.

Die Träne schaffte es schließlich doch, den Weg aus Noa’s geschlossenen Augenlidern zu finden. Es war nie alles in Ordnung. Die Einsicht lief schmerzend seine Wange herunter, überbrückte seine zusammengekniffenen Lippen und fiel im freien Fall dem Boden entgegen. Wie in Zeitlupe sah er die Träne aufprallen, ungeschützt, ungebremst, mit voller Wucht. Doch trotz der Kraft, der schwerwiegenden Fülle der Träne, hörte man sie nicht aufprallen. Man hörte kein dumpfes Geräusch, keinen erschreckenden Ton, kein lauter Schrei. Sie lag tot am Boden.

Wenn das mal nicht sinnbildlich für meine Befindlichkeit war, dachte sich Noa und versuchte ein wenig wehleidig zu lächeln, scheiterte und führte seinen Mundwinkel wieder in die Ausgangsposition zurück. So schmerzhaft es für ihn auch war, so hart er auch mit jedem einzelnen Tag der Einsamkeit auf den Boden aufschlug, niemand bekam es mit, niemand fand dafür Gehör. Es wurde einfach nicht wahrgenommen. Er wurde nicht wahrgenommen.

Ihm blieb nichts anderes übrig, als mit der Einsamkeit zu leben, sie zu akzeptieren, ihre Schönheit zu erkennen, die er irgendwann fand, viele harte Wochen, nachdem sich ihm dieses faszinierende Zitat offenbarte. Doch dieser Brief, den er in der Hand hielt, Jael’s Brief, schien in einem ganz anderen, ungewöhnlichen, ja nahezu unmöglichen Licht. Weil er Noa nicht einsam fühlen ließ, solange er mit behutsamer Zärtlichkeit den Brief umklammerte, das beschriebene Blatt direkt vor seinen geschlossenen Augen. Weil er Noa in einen Zustand brachte, den er Ewigkeiten nicht erlebt hatte, ebenso wenig wie den Duft der Geborgenheit. Unmöglich. Noa war hin- und hergerissen.

Ein Brief, für ihn. Ein Brief, der ihm etwas mitteilen wollte. Dass die Person, die ihn geschrieben hat, Noa etwas mitteilen wollte. Unmöglich. Aber ein wunderschöner Gedanke, eine fabelhafte Unmöglichkeit.

Ein Brief, für jemand anderes. Ein Brief, der nicht seiner war. Noa las Worte, die nicht von ihm gelesen werden sollten. Kraftvolle Worte, gefüllt mit einer nicht greifbaren bedeutungsvollen Botschaft. Die nicht an ihn gerichtet waren. Wahrscheinlich. Eine schmerzhafte Wahrscheinlichkeit.

Noa ließ die Hand mit dem Brief sinken und öffnete langsam die Augen. Die Wolken haben sich derweil wieder zugezogen, es fühlte sich ein wenig so an, als wäre er in einem Zeitraffer gefangen gewesen. Regen, Augen zu. Augen auf, Sonne. Blinzeln, Nacht. Blinzeln, Tag. Als er vor wenigen Minuten den Brief, wie lange stehe ich schon hier, vor zwei Stunden den Brief fand, war es gefühlt gerade erst einmal der Herbstanfang, nun aber war Noa knallhart im Winter angekommen. Fluten aus Windböen durchzogen die Allee, Fenster schlossen sich, Blätter rissen sich los.

Ich kann dich nicht hier lassen. Wenn ich dich jetzt nicht mitnehme, wird niemand dich mitnehmen. Dann bist du fort. Niemand wird je erfahren, was auf deinen Fasern geschrieben steht. Regen wird kommen. Sehr viel Regen, er wird dich durchweichen und zerlaufen lassen, wird dich auseinandernehmen. Wird dich zurück in die Natur werfen. Der Wind wird deine Einzelteile weit weg tragen, hoch in die Luft, in die dunkle Atmosphäre und dann ist das Gefühl, von dem du redest, wieder dort, wo dein Herz es aufgegriffen hat, weit weg im leeren Raum des Universums, unerreichbar weit entfernt. Für mich. Für dich. Ich kann dich nicht hier lassen. 

Der Brief, Jael’s Brief, sein Brief, Noa’s Brief. Er nahm ihn an der Hand und führte ihn in die Jackentasche. Hier bist du sicher. Hier bist du geschützt. Noa schaute auf die morsche Parkbank. Übergabe geglückt. Danke, Jael. 

Fern von jeglichen Gewissensbissen rannte er zur Uni, um wenigstens die zweite Vorlesung noch mitzubekommen. Es ging um irgendwelche Fossilien und ausgestorbenen Lebensformen, um Mikroskopien einzelliger Wesen aus den Tiefen des Marianengrabens, um die beschleunigte Reproduktion abgestorbener Extremitäten des halbwüchsigen Querzahnmolches Axolotl mittels Nanotechnologie. Alles, was Noa nach Ende der Vorlesung noch im Gedächtnis hatte, war der Begriff, der Name Axolotl. Zu intensiv war er auf den Brief fokussiert und er griff nahezu alle fünf Minuten in seine Jackentasche um sicherzugehen, dass er noch da war, dass er da war, dass er echt war. Dass es Jael wirklich gab, dass sie keine Erfindung seiner manchmal unerklärlichen Gedanken war, dass sie ihn mit nur wenigen Worten in ihren Bann gezogen hatte.

Noa ließ sich auf seine kleine Ikea-Couch fallen. Starrte auf den schwarzen Bildschirm seines alten Röhrenfernsehers, den er aus der Wohnung seiner Urgroßmutter ausgegraben hatte, kurz nach ihrem Tod. Wie ein Fossil, dachte er sich. Er saß einfach nur da. Einfach nur er und… der Brief. Unsichtbar in seiner geschlossenen Hand. Lies ihn, so sprach der Axolotl, lies weiter, wir wollen doch beide mehr über Jael’s kraftvolle Gefühle erfahren… 

 

 

12 Kommentare zu „Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 4/24

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      1. Da magst du recht haben, doch die Erkenntnis dieser Tatsache und die schmerzlich geringe übrig gebliebene Hoffnung, dass es doch irgendwann zu diesem „alles“ in Ordnung kommt, lässt Noa eine Träne von wuchtiger Fülle herab..

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      2. Habe zuvor noch nie davon etwas gehört, doch stecke gerade tief in der Recherche, mit Melancholie ist es wohl am ehesten zu verstauen, doch lese ich gerade bis zu dem Begriff „Dukkha“, einem der drei Daseinsmerkmalen des Buddhismus, der vermutlich auch in die selbe Richtung geht… danke für den Gedankenanstoß 🙂

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  1. Endlich komme ich dazu weiterzulesen – das ist wirklich unglaublich toll geschrieben! Gerade die Passage mit den Großeltern ist wunderbar beschrieben und sehr besonders, weil man sie so gut nachempfinden kann. Wahrscheinlich hat Noa recht und es ist wirklich nie alles in Ordnung… Aber es gibt ein paar Momente, in denen es sich kurz so anfühlt und die sind dafür umso intensiver.

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    1. oh wie schön, danke dir, da kann ich mir ein Grinsen nicht verkneifen 🙂 ich sehe das auch so wie du, selbst wenn es nur kurze Momente sind, wenn man dieses Gefühl bewusst wahrnimmt, ist es eine intensive wie wirklich schöne Erfahrung 🙂

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