Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 3/24

Noa glaubte kein Wort, das Felix an dieser Stelle von sich gegeben hätte. Minderwertigkeitskomplexe. So ein Unsinn. Jael hatte den Mut aufgebracht, einen Brief zu schreiben. So viel stand fest.

Aber dass es ein Liebesbrief war, das wusste Noa noch nicht. Ebenso wenig, ob Jael diesen Brief bewusst dort auf dieser alten Parkbank platzierte, oder ob sie ihn einfach nur verloren hatte, vielleicht wollte sie ihn ja einfach selber in den Türschlitz des Adressaten werfen. Vielleicht aber auch hatte sie ihn mit voller Absicht dort versteckt. Quasi als unauffälligen Übergabeort.

Noa verzweifelte. Wieso stellt sich jemand am Anfang eines Briefes erst einmal vor? Er könnte es sich einfach machen, er musste nur weiterlesen, um es herauszufinden. Um diesem Druck aus dem Weg zu gehen, überwanderte sein Blick den Standpunkt. Zur rechten eine Allee aus kahlen Bäumen, zur linken die monströse Wand aus Hochhäusern. Eintausend Fenster schauen auf Noa in diesem Moment herab. Beobachtest du mich?, fragte er Jael in Gedanken. Ich bin hier. Irgendwo. Ich sehe dich, fabulierte er sich Jael’s Worte herbei. Er wünschte sich, bemerkt zu werden. Von ihr bemerkt zu werden, wer auch immer das ist.

Seitdem Noa auf der Uni ist, hat sich vieles verändert. Er wohnte nicht mehr zuhause und… nunja, Noa wohnte nicht mehr zuhause, er hatte seine eigene kleine Wohnung, 34 Quadratmeter zum Alleinsein. Das war die Realität. Die Realität war, dass sich tatsächlich nicht viel verändert hatte. Sein Blick auf die Welt war immer noch die Gleiche. Die Welt blickte ebenfalls scheinbar auch noch immer genau so auf ihn, so wie es auf der Gesamtschule der Fall war, wie es auf dem Gymnasium der Fall war. Mit einem Unterschied: Noa akzeptierte es. Noa akzeptierte seine Außenseiterrolle. Er weinte nicht mehr über die Ungerechtigkeit dieser Tatsache, es schmerzte ihn nicht mehr. Noa fand in all diesen Jahren das Schöne in der Einsamkeit. Und für dieses eine Mal, für diese eine Begebenheit, gab es sogar einen Auslöser. Eine Ursache, ein Grund. Etwas, was ihm immer verwehrt blieb, wenn er darüber nachdachte, wieso ausgerechnet er nicht so einer wie Felix war, wieso ausgerechnet er ein Außenseiter war. Es war ein Zitat. Nur ein Zitat. Das er anfangs ziemlich bescheuert fand, aber mit der Zeit zu lieben begann und sich fortan von Tag zu Tag daran orientierte.

Einsamkeit will gesucht werden, um ihre ganze Wunderkraft zu entfalten. Sie ist der Urgrund der Existenz. Ihre Schönheit herauszufinden heißt, heimzukommen.

Was ihn anfangs störte, war die Suche nach Einsamkeit. Er suchte ja nicht aktiv nach der Einsamkeit, sie war einfach da, schon immer irgendwie. War Noa selbst an der Einsamkeit schuld? Das war die Frage, die ihn begleitet hat. Tag ein, Tag aus, Tagtäglich. Wenn er es doch nur wüsste, dann könnte er etwas daran ändern. Dann hätte er so etwas wie einen Aufhänger, an dem er arbeiten könnte, den er vielleicht verändern könnte. Würde er es je herausfinden? 

War es wichtig, das herauszufinden? Noa beschäftigte sich intensiv mit Fragen wie diesen. Je mehr er es tat, desto mehr fand er Gefallen daran, über die Einsamkeit zu sinnieren. Auf seinem Außenseiterstein, ebenso wie am Ufer der einsamen Bäche am Rande der Stadt, die von vielen kleinen Wäldern umgeben war, ebenso wie abends in seinem Zimmer, das mit jedem einzelnen unüberhörbaren Streit seiner Eltern jedoch immer weniger der Fluchtpunkt war, der es früher, im Kindesalter so sehr war, immer, wenn er sich vor der bösen Welt dort draußen zu verstecken versuchte. Die Wälder wurden dazu noch immer häufiger von Menschen in Anzügen aufgesucht und bald darauf von riesigen Baggern, die mit jedem gefahrenen Meter einen weiteren uralten Baum aus den Wurzeln rissen. Sie rissen den Bäumen ihre Existenz weg, ihre ganz eigene Wunderkraft, die über so viele Jahre hinweg dem Baum Leben einhauchte. Doch sie verschwand und Noa verschwand gleich mit.

Für Noa war es ab einem Zeitpunkt nicht mehr wichtig, wo er war. Seine Gedanken waren das Wichtigste. Die Einsamkeit, die seine Gedanken suchten. Das fehlte nämlich noch für ihn, um die Wunderkraft der Einsamkeit zu entfalten. Sie war da, sie war schon immer da, aber die Schönheit muss herausgefunden werden, gesucht werden, und das ging nur mit der Vorstellungskraft seiner Gedanken. Mit diesem bewussten Schritt in eine Richtung entfernte er sich Stück für Stück von der Fantasie einer Traumwelt, die ihn den Wechsel auf das Gymnasium einbrachte. Es war quasi die Weiterentwicklung, ein Fortschritt, den Noa mit seinen Gedanken erreichte.

Scheiße. Ich muss das lesen. Ich muss wissen, was sie geschrieben hat.

Das bedrückende Gefühl, dass er einen Brief lesen würde, der nicht für ihn bestimmt war, wich seiner Neugierde, wich seinem unbedingten Willen, in der Einsamkeit, die ihn umgab, etwas herauszufinden. Herausfinden. Noa grinste bei diesem Wort. Es hatte etwas magisches an sich, etwas fabelhaftes, dass er etwas herausfinden würde. Nur er.

Sein Augen suchten den Fokus in ihrem Blickfeld, fanden ihn und rollten langsam vom anfixierten Horizont zurück auf das Blatt. Auf den Brief.

Hi, ich bin Jael. 

Ich möchte dir eine Kleinigkeit sagen. Eine Kleinigkeit, die so geheimnisvoll ist, dass ich sie lange selbst nicht verstand. Nur eine Kleinigkeit, die mein Herz umschließt, tief in ihr drin versteckt hat, verborgen, geschützt. Unantastbar. Bis heute. Heute reiße ich mein Herz auf, ich öffne es und schreibe auf, wie ich mich fühle. Aber ich warne dich, sei vorsichtig, so behutsam wie es dir nur möglich erscheint, wenn du diese Zeilen liest. Ich werde dir von einem Gefühl erzählen, dass von unfassbarer Stärke ist, von unfassbarer Größe. Ein Gefühl, dass ich einmal kannte, das jedoch so weit in die Weiten des Universums getragen wurde, dass nur mein Herz es ergreifen konnte. Doch mein Herz wollte es mir nicht zurückgeben. Es behielt das Gefühl für sich. Ich wusste es nicht, doch es schützte mich. Lange Jahre, viele Momente. Sekunden, in denen mein Verstand sich verlieren wollte, mein Herz es aber nicht zuließ. Jetzt, in diesem Bruchteil des Moments, nutze ich die Chance der Verwundbarkeit und hole mir das Gefühl zurück. Es ist jetzt hier, es liegt genau vor dir, auf dem weißen Blatt mit der tiefblauen Tinte…

Noa schoss die Augen zu. Unter den Augenlidern zitterte es, bebte es, formte sich eine Träne, die er auf keinen Fall hinauslaufen sehen wollte. Ich darf das nicht lesen. Sein Herz schwebte, sein Magen drehte sich, die Beine wurden schwach und sein Kopf füllte sich mit Leere. Ich darf es nicht. Ich bin nicht dafür bestimmt, das ist ungerecht, ungerecht von mir, wenn ich jetzt weiterlese, könnte ich etwas zerstören, ich sollte es zurücklegen, der Brief sollte nicht von mir gefunden werden, ich darf das nicht, ich darf das einfach nicht. 

 

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