Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 2/24

Hi, ich bin Jael. Die ersten vier Wörter dieses Briefes, den Noa in seiner leicht zittrigen rechten Hand hielt, hallten durch die Luft, um seinen Kopf herum und schließlich ganz tief in seine Seele. Noch zögerte er, den kleinen, unbeschriebenen Absatz zu überfliegen und weiterzulesen. Hi, ich bin Jael. Seine Seele rief instinktiv zurück, Hi, ich bin Noa. Doch im gleichen Moment merkte er, wie sinnlos sein Instinkt agierte. Dieser Brief war bestimmt nicht für ihn gedacht und für einen Moment fühlte er sich schlecht, dass er, wenn auch nur in Gedanken, antworte. Das war wie eine der unzähligen Situationen auf der Gesamtschule, die er vor dem Wechsel aufs Gymnasium besuchte. In den kurzen Pausen und schlimmer noch, in den langen Pausen, stand er verloren auf dem Schulhof, blickte um sich und hoffte zu sehr, einen vertrautes Augenpaar zu treffen. Doch da war niemand, keine Bezugsperson, zu der er sich gesellen konnte.

Noa versuchte ein paar Male, sich zu einer Schülergruppe zu stellen, so als wäre er ein Teil von ihr. Hi, ich bin Noa. Verwirrte Blicke trafen den seinen, musterten ihn, überflogen sein Antlitz von der Haarspitze bis zu den ausgelaufenen Schuhen. Dann rückten sie meist enger zusammen und grenzten ihn wieder aus, es sah immer so natürlich aus, als könnten die Anderen da gar nichts für, doch er fühlte die Ablehnung zutiefst. In jeder Schülergruppe stand immer einer wie Felix, der Initiator, der Entscheider, ob ein Fremder aufgenommen wird oder nicht. Leider jedoch entschieden alle immer gegen ihn. Er hasste nicht alle Schüler in diesem Kreis, er hasste nur eine Person, auch wenn er diese nicht ausmachen konnte. Doch half es ihm, nicht komplett zu verzweifeln, irgendwer wird mich schon mögen. Aber je mehr er sich das einredete, desto unerklärlicher wurde ihm die Tatsache, dass niemals auch nur Einer auf ihn zugekommen ist. Sie müssen mich doch sehen, so wie er dort auf dem Stein saß, der Stein des Außenseiters.

Unsichtbar sein. Verschwinden, während man da bleibt. Niemand würde ihn mehr sehen. Nie würde er wieder die Ablehnung spüren, die ihn jede Schulpause begleitet. Weil sie ihn nicht mehr sehen können. Alle Menschen würden darauf von ihrer Schuld freigesprochen werden.

Ein schöner Gedanke, redete Noa sich ein und er versuchte sich unsichtbar werden zu lassen. War nur noch physisch anwesend, wenn der Unterricht wieder losging. Was in ihm drin passierte, das konnte sich keiner erklären. Ob das überhaupt jemand versucht, dachte er sich auf der unendlichen Wiese seiner Traumwelt, die ihm von Tag zu Tag realer erschien. Er saß meistens einfach nur da, auf dieser leuchtend grünen Wiese, schaute auf den Horizont und spielte mit seinen Gedanken. Spielte mit der übermächtigen Ablehnung, die er zu großen Bergen hinter dem Horizont auftürmte. Doch er war weit weg, fühlte nichts mehr, keine Ablehnung, keinen Schmerz, keine Tränen kullerten ihm über die roten Wangen, so wie in den einhundert Nächten zuvor.

Die grüne Wiese vor seinen hellblauen Augen vernebelten ihm die Realität. Er sah nicht mehr, er glaubte nur noch zu sehen. Noa schaffte es nicht mehr, dem Unterricht zu folgen, dem normalen Ablauf des Tages zu folgen. Nicht selten kam es vor, dass seine Mutter ihn von der Schule abholen musste, wenn der Lehrer es nach Unterrichtsschluss nicht schaffe, ihn aus der Traumwelt zurückzuholen.

Ihr Junge ist hochbegabt, sagten sie Noa’s Eltern. Er sträubt sich vor dem Alltag, weil das alles viel zu einfach für ihn ist. Die Gesamtschule kann ihm das nicht mehr geben, er muss auf das Gymnasium. Die anspruchsvollere Leitung der Schule wird ihm gut tun. Bei diesen Worten brach Noa in Tränen aus, so viel Kummer und so viel Unglück zugleich teilten sich durch das kreischende Weinen im schalldichten Therapiezimmer mit. Nein, nein, nein, nein. Keiner hörte es. War er immer noch unsichtbar? Sahen sie denn nicht, dass er neben seinen Eltern saß, alles mithörte, alles verneinte, so laut es ging durch den Raum schrie, dass er nicht hochbegabt ist, dass er nicht die Schule wechseln möchte, dass er nicht noch einmal die schmerzliche Erfahrung von der Hoffnung bis zum Außenseiter durchleben möchte?

Noa war nicht hochbegabt. Das wusste er. Seine widersprüchlichen Noten waren lediglich auf seine Stimmungen zurückzuführen. Wenn er traurig war, breitete sich eine lähmende Lethargie in ihm aus. Das konnte manchmal für Wochen so gehen und die anstehenden Klausuren verhaute er in diesem Zeitraum in der Regel. War er glücklich, was auf der Gesamtschule ebenfalls vorkam, schrieb er gute Noten, in solchen Momenten, in denen er seiner Einsamkeit etwas Wunderbares, etwas Fabelhaftes abgewinnen konnte, in solchen Momenten, in denen er die mit Sonnenstrahlen durchleuchtete frische Winterluft ganz für sich allein hatte, auf seinem Außenseiterstein. Fabelhaft. Er war glücklich, dass ihn keiner daran hinderte oder ablenkte, die Luft so intensiv zu fühlen, dass er sie in einem aufregenden Tanz mit seinem Atem verschmelzen sah.

Sonnenstrahlen blitzen durch die kahlen Äste der Bäume und erleuchten den Weg. Die Wolken schienen aufgebrochenen zu sein, den Wind mit seinen kühlen Regentropfen mitverdrängt. Noa schaut auf seine Uhr. Eigentlich sollte er jetzt schon in der Uni sein. Noch immer hat er nicht die darauffolgenden Zeilen gelesen. Noch immer hält er das Stück Papier in der Hand und er ohrfeigt sich augenblicklich selber für die entwürdigte Bezeichnung dieses wertvollen Blattes, das erforscht werden möchte. Ja, vielleicht soll es sogar erforscht werden. Es soll von dir aufgenommen werden. Du sollst es lesen. 

War Noa der falsche Du? Für wen war dieser Gedanke bestimmt? Hatte der Brief überhaupt einen bestimmten Adressaten? Wieso stellt sich diese Jael erst einmal vor? Wenn ich einen Brief schreiben würde, dann weiß der Empfänger doch, von wem der Brief kommt. Er kennt mich. 

Jael, was ist das überhaupt für ein Name? Noa dachte an Felix. Er wüsste bestimmt Bescheid. Gleichzeitig aber widerruft er diesen abscheulichen Gedanken. Felix würde bestimmt nur wieder ein kleines Detail finden, dass den Namen in einem anderen Licht erscheinen lässt. So etwas wie, Jael wird nur versehentlich so geschrieben, eigentlich heißt es Joel und deutet auf einen Jungen mit Minderwertigkeitskomplexen biblischen Ausmaßes… 

 

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