Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 1/24

Das ist die Geschichte eines Jungen. Sie beginnt im Hier und Jetzt, sie beginnt heute. Das wurde ihm just in diesem Moment klar, als er etwas auf der löchrigen Parkbank entdeckte, auf dem Weg, den er jeden Morgen zur Universität läuft. Ein weißes Blatt, zerknittert und halbnass, es scheint, als hätte es der Wind in die schützenden Holzbretter der morschen Sitzgelegenheit getragen. Noch war er nicht nah genug dran, um es aufzuheben, aber bei dem bloßen Gedanken daran reißt der Junge seine hellblauen Augen so weit auf, wie es die in Regen getränkte Luft zulässt. Ein Gefühl der Aufregung durchfährt ihn. Er bleibt stehen. Unsicherheit steht da zwischen ihm und dem scheinbar beschriebenen Blatt, ein kleiner Meter der Schüchternheit. Er war noch nie ein impulsiver Mensch gewesen, der Gegenstände aufgriff, die scheinbar herrenlos herumlagen. Doch aber war er ein Junge, der stets sein Umfeld beobachtete, der alles immer im Blick hat, sei es nur ein Millimeter der sich pellenden Haut einer Studienkollegin, die heimlich auf die Sonnenbank ging und aus Angst, dass diese Schmach entdeckt werden würde, ihre gebräunte Haut wieder hell überschminkte. Der Junge sah sie in Gedanken jedoch zuhause sitzen, während sie sich daran erfreut, wie braun sie doch ist, wie nahe sie doch an dem Schönheitsideal ihrer Mutter dran ist. Das schien das Wichtigste für sie zu sein, dachte sich der Junge und er bewunderte sie dafür in gleichem Maße, wie er sie dafür verachtete, dass sie ihre wahre Bräune vor Anderen zu verstecken versuchte. So wie ihm diese kleinen Dinge auffielen, so fällt ihm in diesem Moment auf, dass er sich nicht gegen die Neugierde wehren kann. Er greift nach dem etwas verschmierten Blatt und versucht er es zu entfalten, während sich nasses Papier an seine Hände schmiegt. Entfalten. Wie ein Schmetterling, dachte er sich bei diesem metaphorischen, technisch nicht wirklich anspruchsvollen Auseinanderknittern.

Der nächste Moment muss für Noa wohl ein Moment der Entzückung gewesen sein. Ein Moment wie der, wenn etwas unglaubliches geschieht, wenn es direkt in deine Hände fliegt, ohne dass du es je in Betracht gezogen hättest. Noa fand einen Liebesbrief. Er hatte noch nie einen Liebesbrief gefunden, was bei der Tatsache, dass Liebesbriefe eher selten in der Natur zu findende Phänomen sind, nicht wirklich überrascht. Doch aber hatte Noa selbst noch nie einen Liebesbrief verfasst. Er hatte schon öfter mit angesehen, oder eher, in einem Moment der Unbeobachtung mitbekommen, wie diese mysteriösen Umschläge, mit einem rot umherzten Namen in der Mitte, ausgetauscht wurden. Damals war er zu jung zu verstehen, mit welchem Inhalt sie befüllt waren. Nun, er verstand schon, was ein rot umherzter Name bedeutet, irgendwas mit Liebe, aber was genau jetzt auf den zusammengefalteten Blättern geschrieben war, das wusste er nicht und das konnte er sich auch bei weitem nicht ausmalen.

Ich bekomme sowieso nie einen dieser Briefe, redete er sich in seinem zarten Jugendalter ein und das Schlimmste war, dass er diese vermeintliche Tatsache auf seinen Namen zurückführte. Noa. Irgendwann nämlich, es muss zur selben Jahreszeit ein paar wenige Jahre früher gewesen sein, nicht einmal lange nach dem Wechsel aufs Gymnasium, interessierte sich Felix für den Namen des Neuen in der Klasse. Felix fing an, Noa’s Namen in verschiedenen Büchern zu suchen. Er wollte wirklich wissen, woher dieser Name kam, denn Felix hatte ein Faible für Namen. Immer wenn sich ihm jemand Fremdes vorstellte, erzählte er dieser Person von der Geschichte seines Namens. Jean-Paul, Penelope, Fritz, Gemma… er wusste sie alle. Doch Noa, ohne dem „h“ hinter dem „a“, das war ihm fremd, und er empfand diesen Namen als Demütigung, denn normalerweise applaudierten die Menschen um ihn herum, wenn er mal wieder ausgiebig Bescheid wusste. Doch nirgends konnte er ihn finden, bis zu dem Zeitpunkt, in dem er in dem alten Buch seiner verstorbenen Urgroßmutter, „die alttestamentarische NamensChronik“, beim Durchwühlen nach wertvollen Hinterlassenschaften, so wie es die Enkelkinder nach dem Tod eines Familienmitglieds gewöhnlich tun, nach Noa’s Namen zu suchen begann. Was Felix fand war lediglich eine winzig kleine Information,  nur ein kleines, für Noa selbst bis dahin unwichtiges Detail. Noa ist ein Mädchenname.

Felix war einer dieser Jungen, mit dem man auf dem Gymnasium unbedingt befreundet sein sollte. War man es nicht, gehörte man automatisch nicht dazu. Noa wollte unbedingt dazugehören und die ersten Tage auf der neuen Schule ließen den Eindruck zu, dass es auch dazu kommen würde. Niemals wieder werde er sich in die Außenseiterrolle drängen lassen, niemals wieder werde er auf dem Heimweg von der Schule Angst haben müssen, dass dort jemand auf ihn lauert, der ihn nicht mochte. Doch nur 12 Stunden später, nachdem Felix diese eigentlich unbedeutende Sache  über Noa’s Namen herausfand, sollte das alles zurückkommen. Denn Felix, der einer dieser Jungen war, die ein gewisses Anführer-Gen in sich trugen, die aufgrund dessen von allen Seiten bewundert und geliebt wurden, schrie es unverwüstlich in die Köpfe der anderen Schüler. Noa hat den Namen eines Mädchens. Bestimmt ist Noa sogar ein Mädchen. Noa ist nicht normal. 

Noa war fortan am Boden zerstört. Er hatte ungeheuren Hass auf Felix und aber noch viel mehr auf seine Eltern. Warum musstet ihr mir so einen beschissenen Namen geben, fragte er immer und immer wieder. Die Eltern selbst waren ratlos, sie hätten nie damit gerechnet, dass es zu dieser Situation kommen könnte, waren wir naiv, fragten sie sich selber. Dass Noa nur deshalb Noa ohne h heißen sollte, weil das Herz des ersten Kindes, ein Mädchen, kurz vor der Geburt aufhörte zu schlagen, das konnten sie ihm nicht sagen. Ihr kleines Mädchen sollte Noa heißen. Sie wussten, dass sie immer nur ein einziges Kind haben wollten, denn zu mehr hielten sie sich nicht imstande. Um über den Verlust hinwegzukommen, entschieden sie sich während der erneuten Schwangerschaft auf Rat eines Therapeuten, dass das neue Ungeborene ebenfalls Noa heißen wird.

Doch heute sollte sich alles ändern. Heute, an diesem ersten Tag des kalten Monats, in dem es ganz eindringlich auf die Festtage mit der Bezeichnung Weihnachten zugeht. Heute sollte Noa endlich einen Liebesbrief in der Hand halten:

Hi, ich bin Jael.

17 Kommentare zu „Die fabelhafte Unmöglichkeit | Teil 1/24

Gib deinen ab

  1. Bämmmm! Wow… Der Anfang eines großen Buches. So liest es sich… Und ich hoffe einfach das nach 1/24 auch 2/ und 3/24 usw. folgen werden. Jeden Tag ein neues Kapitel. Wer Noa ist und was er mit Dir zu tun hat brach ich sicher gar nicht erst fragen… 😉 Bin wie immer beeindruckt von Deinem Schreibstil…

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    1. Dankeschön! Klasse dass du dir das durchliest und gespannt bist, wie es weitergeht 🙂 Ein „großes“ Buch wird es nicht werden, aber mein Ziel sind 24 Kapitel bis Weihnachten. Wird nicht einfach..

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  2. Super geschrieben. Nur kaufe ich Felix nicht ab, dass er ein Alpha ist. Jemand, der den Applaus seiner Kameraden braucht, weil er über Namen bescheid weiß? Habe einen Streber im Kopf. Blond. Längere Schneidezähne. Wacklige Brille.

    Vielleicht wäre eine zweite Figur realistischer gewesen. Jemanden, der sich dafür nicht interessiert. Eh weiß, dass er der coolste ist und dann die Info aufschnappt.

    Der Hintergrund der Namensgebung hätte man vielleicht noch offen lassen können. Mit einem Satz andeuten und Spannung der Leser wecken.

    Ansonsten bin ich begeistert. Ein lässigen Stil hast du.

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    1. Erst einmal Dankeschön für das Kompliment, und vor allem für die Kritik! Es ist gut zu wissen, was für Vorstellungen der Leser dabei hat, und das kann mich ja letztendlich nur verbessern 🙂

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      1. Ja, ich habe mit einem Roman angefangen und bin jetzt beim Sachbuch mit einigen Kurzgeschichten gelandet 😉 Ja, dann täglich schreiben, dann hast du eines Tages ein Buch. Eigentlich nicht so schwer 😉

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