Eine Sekunde Stille

Ich laufe und laufe und sehe und sehe und kriege nichts mit. Ich rede und rede und kriege nicht mit, ob Ursula antwortet. Kriege nicht mit, dass Ursula gegen einen Baum läuft. Kriege nicht mit, dass Ursula auf den Boden fällt und sich die Nase hält. Ursula wimmert wie meine kleine Nichte, wenn sie mich sieht. Meine kleine Nichte, sie wimmert immer wenn sie mich sieht. Jeden Zentimeter, den ich mir ihr annähere, verschlimmert das unsägliche Wimmern eines oh schon so groß gewordenem Mädchens gut anderthalb Jahre nach ihrer Geburt. Werd erwachsen, denke ich und wende mich dann immer trotzig ab. Kleine Kinder mögen mich nicht. Ist eine recht einseitige Beziehung, das mit mir und den Kleinen. Ich grinse sie an und sie hassen mich zurück. Selbst Geschenke bringen nichts. Schokoladentafeln werden glücklich verputzt, nach dem letzten Bissen mit den zwölf heranwachsenden Beißerchen geht’s wieder zum Alltag über. Du bist viel zu groß, schreit es mir durch die tränenunterlaufenden Äuglein entgegen. Ich kann dich auch nicht leiden, antwortet mein schräg angelegter Mundwinkel zurück. In Wirklichkeit aber bricht mit jedem undankbar eingeworfenem Stück Schokolade auch ein Teil meines Herzens. Wie siehts eigentlich mit der Nase meiner Begleitung aus? Ich wache aus meinen Gedanken auf. Schaue zur Seite. Keine Ursula. Schaue zurück. Ursula. Am Boden. Ungläubig trifft ihr Blick den meinen. Soweit ich das aus dieser Entfernung erkennen konnte. Sie winkt mir zu. An ihren Fingerspitzen klebt rotes Zeugs. Kann mich nicht erinnern, ihr einen Streuselkuchen mit Erdbeerfüllung gekauft zu hab… ach, die Nase. Stimmt ja. Ich winke zurück und mache einen Schritt in ihre Richtung. Aber Moment mal, muss ich immer auf die Frauen zugehen? Immerhin war ich es schon, der nach diesem Date gefragt hat. Demonstrativ bleibe ich stehen und verschränke die Arme. Ich schaue gekonnt trotzig auf die ergrauten Blätter der Apfelbäume, die sich auf dieser nur minimal belichteten Allee aneinanderreihen. Irgendetwas scheint diesen Bäumen zu fehlen. Ich denke nach. Die Äpfel! Die Äpfel fehlen. Voller Euphorie über meinen Geistesblitz greife ich einen Ast und zwinkere ihm zu. Ich weiß jetzt was dir fehlt. Ich bin bei dir. Du brauchst nun keine Angst mehr zu hab… ach, Nase Nase Nase. Ich schüttele den Kopf. Lasse den Ast los und er schwingt zurück. Und er schwingt zurück zurück. Knallt gegen meinen Kopf. Kopf knallt benommen auf Boden. Ich sehe nicht viel, sehe einen Schatten, der sich mir annähert. Ein Finger bewegt sich auf mich zu und drückt mir schmerzhaft auf die Nase. „Nase“, sagt sie. „Ja, deine Nase. Es tut mir leid. Ich wollte dich nicht liegen lassen. Ich hatte Angst, du wärst weg. Als du nicht mehr geantwortet hast. Ich wollte keine Schwäche zeigen und habe mich deswegen nicht umgedreht. Es tut mir wirklich…“, sage ich und werde energisch unterbrochen. „DEINE Nase!“, ruft sie mir aus dem dichten Nebel der Verschwommenheit zu. Dann fühle ich es. Und noch schlimmer, ich schiele, und sehe es. Da klafft ein Loch in meiner Nase. Also Numero 3. Das Trio ist nun vollkommen, denke ich. Vollkommen unberührt dessen, wie meine dreilöchrige Nase und ich uns fühlen, sagt sie: „Komm, ich bringe dich ins Krankenhaus.“ Jetzt schaue ich ungläubig. So viel Warmherzigkeit hatte ich jetzt nicht erwartet. Mein Finger bewegt sich als Akt der Geborgenheit auf ihre Nase zu und tippt wie der sekundenschnelle Flügelschlag einer Eintagsfliege auf dieser herum. Da ist ja wieder dieses klebrige Zeugs, denke ich und werfe ihr vor, dass sie keine Manieren habe, ohne mich dieses herzhafte Stück Streuselkuchen mit Erdbeerfüllung zu essen, und noch schlimmer, den weichen Kern so unpräzise in ihren mit dünnen Lippen bedeckten Mund zu führen, dass die Créme de la Créme des Streuselkuchens an ihrer Nase haften bleibt. „Das ist Nasenblut!“, ruft sie erregt durch den sich langsam verpuffernden Nebel der Verschwommenheit hindurch. Nunja, denke ich, was ist schon Nasenblut, ich meine, entweder man hat Nasenbluten oder halt nicht, aber das substantivierte Nasenblut hört sich eher nach einem seltenen Pokemon an, für das man alle seine Super-Pokebälle aufbraucht. Ich greife nach ihrer Hand und schüttele sie anerkennend. „Glückwunsch, das Nasenblut ist nun deins!“, sage ich. Ursula kratzt sich an den Kopf. Ob in ihrem dichten, leicht blondiertem Haar noch mehr Nasenblüter zu finden sind? Ursula, die Nasenblutmutter. „Was ist jetzt?“, ruft sie, und dieses Mal ist der Nebel weg und ihr prägnanter Schrei trifft mich mit voller Wucht. „Mach dir um meine Nase keine Sorgen, die ist okay. Aber DU hast da ein Loch..“, sagt sie und es ist, als schauen wir uns zum zweiten Mal den trashigen B-Streifen „Die Rückkehr der superschnellen Eintagsfliege“ an, als sie mir zum wiederholten Male auf die Nase tippt. Vielleicht ist das ihre Art der Zuneigung. Vielleicht hat sie das Prinzip des sich-auf-die-Nase-küssen von arktischen Eskimos missverstanden und agiert in diesem Prozedere nur mit ihrem schwerfälligen Finger. Vielleicht machen das Ursulas so. Ich überlege kurz, ob ich sie bitte, mich und mein drittes Nasenloch alleine zu lassen. Alleine bei den Apfelbäumen, die so furchtbar traurig wirken, da ein bösartiger Sturm ihnen all die Äpfel fortgeweht hat. „Die Bäume…“, beginne ich zu stammeln, überlege es mir dann aber anders und korrigiere, „die Nase. Ich meine, unsere Nasen. Sie bluten. Meinst du, wenn sie bluten, dann blutet auch unser Herz? Ich meine, weil wir nicht wollen, dass sie bluten. Und wenn wir etwas nicht wollen, es aber nicht ändern können, dann blutet das Herz. Ein Teufelskreis, findest du nicht?“ Meine Augen leuchten bei so viel philosophischer… „Kotze! Kotze ist das. Geistiger Dünnpfiff. Wir gehen jetzt ins Krankenhaus.“, sagt sie bestimmt, greift meine Hand, hilft mir auf und zieht mich neben ihr her, die Allee zurück, zurück zum Auto, vorbei an den Apfelbäumen ohne Äpfel und dem traurigsten aller Äste, der mich als Ventil seiner Verzweiflung ausgesucht hatte, vorbei an dem Apfelbaum, der seiner monströsen Erscheinung wegen meine Begleitung aus den Socken gehauen hatte, wir gehen zurück, zurück zum Anfang. Ursula und ich, das fühlt sich gut an. Ich denke, „du bist nicht verkehrt!“, sage ich und schaue ihr tief in ihre grünen Augen. Sie lächelt. Es ist das erste Mal an diesem Abend. Es ist ein Moment der Stille. Keine blutenden Nasen, keine Apfelbäume ohne Äpfel, keine aggressiven Äste, kein Nebel. Vor allem aber kein Gedanke, kein Kopf, der in dieser Sekunde dazwischen funkt. Ist es ist diese eine Sekunde, die mich verzaubert. Diese eine Sekunde Stille.

5 Kommentare zu „Eine Sekunde Stille

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    1. Nicht wirklich genau so erlebt, eher wie du schon sagst im übertragendem Sinne.. da ist eine bestimmte Differenz zwischen dem Erlebten und der Art und Weise, wie ich Ereignisse aufnehme, interpretiere und mich diese fühlen lassen 🙂

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