Kapitel 6: Into the Wild, mehr oder weniger… | Abenteuer Norwegen

Nach dem semi-fantastischen Erlebnis auf dem Meer lief ich einfach los. Einfach einer unendlich langen, ruhigen und kaum befahrenen Straße entlang der unzähligen fotogenen Berge, dem rauen Ozean und weißen Sandstränden. Ja ernsthaft, hier gibts weiße Sandstrände. 20 Kilometer Fußmarsch Richtung Süden, wo ich auf irgendeinem Hügel mein Zelt aufschlagen wollte. Ich lief… und lief… und machte Pausen… und lief… und irgendwie kamen mir die vermeintlichen 20 Kilometer wie der Iron Man auf Hawaii vor. Nicht dass ich daran mal teilgenommen habe. Aber eine 6-stündige Dokumentation suggerierte mir eine gewisse Anstrengung, die von den Leistungssportlern abverlangt wird. Mit meinem Trekking-Rucksack auf dem Rücken und meinem Schulranzen auf der Brust sah ich aus wie ein überladener Kokusnusshändler in der Dominikanischen Republik. Nur gab’s keine Palmen hier. Schade eigentlich. Vielleicht werde ich bei meinem nächsten Aufenthalt in Norwegen einfach mal eine Palme pflanzen, der Anblick wäre bestimmt nicht schlecht…

mountain_lofoten_norway_nature

Nach guten 3 Stunden, 18 Pausen und gefühlten 382 geschossenen Fotos war ich… müde. Die seekrankheitsbedingte Übelkeit war zwar inzwischen ausgeschwitzt, aber man merkte mir an, dass Backpacking-Touren nicht zu meiner alltäglichen Beschäftigung gehören. Zwar hatte ich den Plan, mein Zelt auf einem schönen Berg aufzuschlagen, stattdessen aber entschied ich mich einfach auf einem kleinen Strandabschnitt zu campieren.

nature_ocean_lofoten_norway_mountain

Weißer Sand, kleine Felsen, umgeben von Wasser und Bergen. Gibt schlechtere Orte zum Übernachten. Wobei – das war kein Übernachten. Das war genau die Art von Auszeit, von glücklich konnotierter Einsamkeit und Naturverschmelzung, die ich mir für eine Nacht im Zelt vorgestellt hatte.

Jetzt lagen zwei Herausforderungen vor mir: Das Zelt aufbauen. Und ein Lagerfeuer machen. Ersteres habe ich probeweise in meinem Garten daheim schon einmal geübt und wäre dabei fast vor Verzweiflung aufgrund meiner technischen Inaffinität-Inaffinität (die Steigerung von Inaffinität, wobei Inaffinität viel zu harmlos ausgedrückt ist bei meiner handwerklichen, mechanischen und technischen Katastrophenleistung bei handwerklichen, mechanischen und technischen Herausforderungen, die vermutlich selbst für mittelprächtig intelligente Grundschüler eher ein Diktat auf „Hans geht schwimmen“-Niveau sein würden) in Tränen ausgebrochen. Um es kurz zu fassen: Der Probelauf ging mit einer Aufbauzeit von einer Stunde bei einem Ein-Personen-Zelt mit (Zitat) „schneller und unkomplizierter“ Zusammensetzung ordentlich daneben. Hier und jetzt aber, voll im Abenteuer und Survival – Modus, lief es wie geschnitten. Innerhalb von 20 Minuten stand das Dingen und mir entkamen laute Ausrufe der puren Begeisterung wie „Booom“, „Bäääm“ und „Ohjaaa“ sowie „Wer ist der Boss?“, „Ich bin der King“ und „Jim fucking Kopf hat es einfach drauf“ gefolgt von einer peinlichen Berührung, dass mich ein aufgebautes Anfänger-Zelt so in Ekstase versetzt.

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Ich lass‘ mich in den Sand fallen, schaue in den Himmel und zünde mir die berechtigte Erfolgszigarette an. Es war recht kalt, 5-6 Grad, recht windig und bewölkt. Aber hell. Obwohl die Uhrzeit mittlerweile schon gegen Mitternacht tendierte. Mitternachtssonne olé. Die Mitternachtssonne vermied jedoch auch das absolute Lagerfeuer-Feeling, das ich als nächstes in Angriff nehmen wollte. Macht nichts, ich versuchte mich trotzdem daran. Einziges Problem: Es hat nahezu dauerhaft die letzten Tage geregnet. Am Straßenrand aber fand ich eine kleine Unterhöhlung mit einigermaßen trockenem Holz, dass, ähm, den Weg stützen soll(?!). Ich entfernte es behutsam wie Jean-Claude Van Damme und zerbrach es in Einzelteile, legte danebenliegende und vom Wasser angespülte Steine zu einem kleinen Kreis zusammen und baute mir das Grundkonstrukt eines Lagerfeuers. Ich war zufried.. moment, ich muss das ja noch anzünden… Zwei Feuerzeuge und eine Deoflasche standen mir zur Verfügung. Das sollte doch verdammt nochmal machbar sein… geh schon an… warum brennst du denn nicht… RAUCH… Es brennt!!… doch nicht… es.. geht.. nicht.. an! Der unausgebildete Pyrotechniker in mir versagte auf ganzer Linie. Die Deoflasche war mittlerweile leer und prustete vor Erschöpfung nur noch kalte Luft heraus, das zweite Feuerzeug betrieb Leistungsverweigerung. Ich stelle fest: Das wird nix mehr.


Es ist 01:30 Uhr. Zeit schlafen zu gehen. Ich werfe mich ins Zelt, muckele mich in voll angezogener Montur in meinen Schlafsack (geeignet für Temperaturen von 5 bis 10 Grad), dunkelte meine Äuglein mit einer Schlafbinde ab und merkte, der Wind und das Meer erzeugten zwar eine wunderbar melancholische und auditive Symphonie der Extraklasse, aber machten das Einschlafen unmöglich. Also Kopfhörer auf, Yann Tiersen’s Comptine d’un autre été auf Endlosschleife und zack, da war ich eingeschlafen, inmitten der Natur, weit weg jeglicher Zivilisation.

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Es wurde Zeit. Bis auf die Ankunft in Leknes war ich tatsächlich gesehen noch gar nicht auf den Lofoten, sondern auf der Inselgruppe da drüber. Nachdem ich absolut fantastisch aber leicht durchgefroren aufgewacht bin, am Meer, umgeben von Bergen, mit dem Zelt auf einem Fleckchen weißen Sandstrand, machte ich mich auf – ein letzter Blick auf mein Lager“feuer“ – zur 15 Kilometer entfernten nächsten Haltestelle. 400 Kilometer lagen vor mir. Von ganz oben. Nach ganz unten. Von grandios zu fantastisch? Reine ruft. Der Ort, der mich diese Reise antreten ließ. 300 Einwohner and one of the most scenic views in the world! 4 mal umsteigen. Über 60€ Busticketkosten. Mit Schiffsüberquerung. 8 Stunden totale Fahrzeit. Das ist es mir wert. Es folgte die Wanderung zur nächsten Haltestelle…

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… die Busfahrt…

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…die Überfahrt mit dem Schiff…

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… und dann war ich endlich, endlich, endlich endlich angekommen!

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In Reine. Naja, noch nicht ganz angekommen. So richtig angekommen würde ich erst sein, wenn ich auf dem Gipfel des vor mir liegenden Berges bin. Die extremste Erfahrung meines Lebens ragte direkt so unwirklich echt in der Spiegelung meiner leuchtenden Augen in den Himmel… (Hier gibst die Vorschau!)

Liebe Grüße,

Jim Kopf

16 Kommentare zu „Kapitel 6: Into the Wild, mehr oder weniger… | Abenteuer Norwegen

Gib deinen ab

  1. 1. ich bin pro-palme. lass uns einen club gründen: „Initiative Palmen für Norwegen“
    2: sehr schöner strand, an dem du da übernachtet hast – ich bin mir sicher, dass man dort einige klare gedanken fassen kann und sich selbst sehr gut stellen kann (wenn man das möchte :’D)
    3: ich habe gerade gebrüllt vor lachen wegen deiner beschreibung deiner zelt-ekstase. ich sitze im büro. und sollte eigentlich arbeiten. na, was solls.
    4: oh, ich bin absolut neidisch, in was für einer grandios geilen landschaft du da rumgestapft bist. der hammer! ich glaube, ich sollte norwegen jetzt wirklich auf meine bucketlist schreiben, hmm hmm.
    5: ich freue mich auf den nächsten teil!

    liebe grüße!
    hannah

    Gefällt 2 Personen

    1. 1. Die Initivative hört sich nach ner echten Marktlücke an.. Sollten wir angehen! 🙂
      2. Da hast du Recht, zwischenzeitlich habe ich einfach eine Stunde lang auf einem Felsen gesessen und den Horizont beobachtet, da driften die Gedanken schon schnell ab..
      3. Haha find‘ ich gut, hoffe aber dass du mittlerweile auch Wochenende hast!
      4. Auf deiner Bucketlist stand Norwegen bisher noch nicht?😱 Da gibst doch gar nicht viel zu überlegen.. 😉
      5. Dankeschön und freut mich, dass du dabei bleibst 🙂

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  2. Ach herrje, beim Anblick des Lagerfeuers habe ich gleich an Robinson Crusoe denken müssen. Schön, dass du wohlbehalten wieder zurück in die Zivilisation gekommen bist (um dir wieder den Arm zu brechen, aber das zählt jetzt nicht)!

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    1. Dankeschön! 🙂 ja, das habe ich mir im
      ersten Moment auch gedacht, aber es damit begründet, dass es aufgrund der Mitternachtssonne auch keine Gezeiten gibt und damit das Stückchen Sand frei von Wasser bleiben wird. Klar, wäre ein Sturm aufgezogen wäre das sicherlich keine so gute Idee gewesen… ist aber alles gut gegangen 🙂

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  3. Hach *seufz, so ein schönes Land! Aber leider auch viel zu teuer, da ist mein Schweden ja n Discounter gegen. *grins. So mit Zelt und Rucksack wollte ich auch immer schon mal auf Reisen gehen, traue mich dann aber irgendwie doch nicht. 😀

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    1. Da hast du recht, Norwegen geht echt hart ins Portmonee 😦 Gibt es da so einen Unterschied zu Schweden?? Wenn du dir nicht zutraust, alleine mit Zelt loszugehen, dann nimm jemanden mit, ist auch so eine tolle Erfahrung! 🙂

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      1. Daran habe ich auch schon gedacht, das Problem ist nur, dass ich nur Leute kenne, die Rumgammeln am Strand bei 40°C im Schatten bevorzugen, da ist kein „Abenteurer“ dabei.

        Schweden ist natürlich nicht so billig wie Deutschland (zum Glück), aber wenn man weiß wo man gut einkaufen kann, dann kommt man gut über die Runden. Wenn man natürlich auf einen Lanthandel im Nirgendwo angewiesen ist, wird es schwierig, aber in Stockholm zum Beispiel sind genügend Supermärkte, bei denen man zu vernünftigen Preisen einkaufen kann. Damit meine ich aber nicht LIDL – da kaufe ich aus Prinzip nicht ein. 😉

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