Kapitel 5: Kotzen zum Sparpreis von 90€ | Abenteuer Norwegen

Es ist Sonntag. Die Wetterprognose versprach mir die Möglichkeit, eine Walsafari zu machen. Whale Watching. Aufgeregt und motiviert zögerte ich keinen Augenblick und ließ‘ mich von meiner Gastgeberin zu dem Ort fahren, wo das Boot schon auf mich wartete. Das war ziemlich genau an der nördlichsten Spitze der Lofoten. Kurz nachgedacht: Das märchenhafte Städtchen Reine mit seinem malerischen Berg, dem Reinebringen, also der eigentliche Grund warum ich zu den Lofoten aufgebrochen bin, liegt an der südlichsten Spitze der Lofoten. Um die 350 Kilometer weit weg. Ob ich es überhaupt dahin schaffen werde? Wenn ich jetzt loslaufen würde, dann käme ich vermutlich nächstes Jahr an Weihnachten an… In Anbetracht der Tatsache, dass mein Flieger in 3 Tagen zurück nach Deutschland geht, musste ich gezwungenermaßen diesen sensationellen Plan wieder verwerfen. Hab‘ eh‘ keinen Schneeanzug mit, versuchte ich mich aufzumuntern.

Ich verabschiedete mich herzlich von meiner absolut sehr freundlichen und zuvorkommenden Gastgeberin der Huskyfarm und stieg wie ein erfahrener Meeresbiologe auf das Boot. Die 8-Mann starke Crew empfing mich mit Trompeten und Willkommenssekt sowie schon vorgeheizten Decken, bereit, mir, und einzig allein mir, eine unvergessene Erfahrung zu bereiten, Wale zu sehen, Pottwale und Killerwale sowie Schweinswale, die schon sehr bald nur für mich graziös und voller Lebensfreude aus dem Wasser springen und ihre vollkommene Schönheit entfalten werden.

So hatte ich mir das Ganze vorgestellt.

So was von falsch gedacht.

Ich verabschiedete mich herzlich von meiner absolut sehr freundlichen und zuvorkommenden Gastgeberin der Huskyfarm und musste zunächst ein Museumsgebäude betreten, wo man mir herzlich nahelegte, vor dem Betreten des Expeditionsbootes erst einmal zu bezahlen. Das macht dann 930 Kronen. WAS? Das sind 90 Euro. 180 Mark!!!, hätte mein Opa gesagt. Leicht verwirrt und mit zitternder Hand überreichte ich ihr den Koffer voller Geld. War das meine Schuld? Hätte ich wissen müssen, dass das ein teures Vergnügen wird? Warum wurde mir diese Info vorenthalten? Sehe ich so reich aus? Mit meinen neuen Nike-Schuhen, der hochgekrempelten grauen Jeans und meiner Kanada-Mütze? Wollen sie so auf das Boot gehen?, fragte mich die Counterdame. Es wird ungemütlich. Ich entschied mich kurzerhand, meine Trekking-Schuhe, eine lange blaue Jeans und Regenjacke anzuziehen. Hätte ich den Hipster-Quatsch mal zuhause gelassen. Mein Budget war doch schon längst am Limit… Die Führung durch das Museum ist im Preis inbegriffen, das Boot legt in 2 Stunden ab. Oh wie cool!! Museen sind der Hammer!! Ich…

… hasse Museen!! Im scheinbar unendlich andauerndem Stehen einer vom eintönigen Job gelangweiligten Touristenführerin mit unfassbar interessantem Wissen auf Hochschulniveau über die Ortungsfähigkeiten von seltenen Riesenkalamaren bedacht zu werden ist schlichtweg nicht mein Ding! Furchtbar angetan trottete ich der Touri-Gruppe mit einem Durchschnittsalter von 89 Jahren hinterher und lauschte dem intellektuellen Erlebnis. Der Pottwal hat mit 9 Kilogramm das schwerste und größte Gehirn im Tierreich. Das Einzige was ich behalten hatte. „So impressive!“, stöhnte ich und erntete zwei, drei böse Blicke als hätte ich gerade als erster „BINGO“ gerufen. Ach maaan, ich bin in Norwegen und zieh‘ mir ’n Museum rein. Ich muss zugeben, die ein oder andere Info war ja echt ganz cool, aber ich will die Wale sehen…

Dann ging es endlich zum Boot, ein Fußmarsch von einem Kilometer, und schon von weitem erkannte ich eine ganze Menschenschar. Das waren Touristen. (Bösartige, unheilvolle Stimme:) Touristen. Um die 60 Stück. Ich mag Touristen nicht. Die nerven. Das Whale Watching sollte doch genauso intim und besonders sein wie meine Bergbesteigung und der Rest meiner Auszeit in der Einsamkeit. Warum waren die nicht im Museum dabei? Heißt das, ich hätte die Führung gar nicht mitmachen müssen…? Ich entschied mich, dem Ganzen gleichgültig gegenüberzustehen und mich trotzdem auf die Pottwale zu freuen.

Mit meiner Canon 70D und einer GoPro ausgestattet betrat ich als jüngster Passagier das doch viel größer als erwartete Boot. Nach der Willkommensheißung in gefühlten 30 Sprachen legte das Boot ab und fuhr auf das offene Meer ohne erkennbaren Horizont hinaus…

Und damit begann das große Kotzen. Der Wellengang war enorm! Wind ohne Ende. Regenböen. Das Boot wackelte. Und kippte. Und ging auf und ab. Ein reiner Action-Blockbuster bahnte sich an. Der Antiheld Jim Kopf hielt es nicht mehr aus. Er musste sich setzen! Den Blick auf einen kaum zu erkennbaren Horizont gerichtet, weil das gegen Übelkeit helfen sollte. Half nicht. Ihm kam es hoch. Schrecksekunde!! Beinah. Er hielt inne. Dachte nach. Was war das? Was ging hier vor sich? Er war nicht mehr der Einzige, der saß. Sein Blick wanderte über das Deck. Touristen verkrochen sich in die hintersten Ecken des monumentalen Schiffes. Ob die meterhohen Wellen den sicheren Tod bringen würden? Bange Blicke mehrten sich. Die flammenden Geräusche des Meeres wurden von kotzenden Touristen übertönt. Dort die Oma, die jetzt lieber einen warmen Apfelstrudel hätte. Hier das verliebte Weltumrundungs-Pärchen, das darum kämpft, wer die Kotztüte zuerst bis oben hin füllen wird. Und mittendrin Jim Kopf, der Entdecker, der sonst so mutige und heldenhafte Abenteurer, beide Arme auf dem grummelnden Magen verschränkt. Er wollte es nicht – er wollte einfach nicht kotzen. Sein Blick fiel auf einen Mann mittleren Alters. Mit High-End-Spiegelreflex, der allerneusten Helmkamera und Profiequipment bestückt krümmte auch er sich vor Übelkeit. Sein Blick traf Jim’s. Und es begann ein erbitterter Kampf, wer weniger kotzen würde. Der vermeintliche Profi-Fotograph, der sich scheinbar akribisch auf die alltägliche Route zu den Walen vorbereitet hatte? Oder würde Jim, der nur eine Canon und eine alte GoPro besaß und der seinen allerersten Bootsgang seit seiner Taufe vor 21 Jahren erlebte, zuerst kotzen? 

Ich fragte, wie lange die Bootsfahrt noch dauern würde. Immerhin haben wir nach 2 Stunden immer noch keinen Meeresbewohner entdeckt. Eine Stunde noch aufs‘ Meer hinaus dann eine Stunde dort verweilen und dann zurück. Schaffste! Oh Gott. Macht noch 4 Stunden Horror. Ich verkrümelte mich in meiner semiwarmen Decke. Nach einer (kotzfreien) Weile meinerseits plötzlich ertönte die Sirene. „WHAAALE!“ Alle Touristen springen auf und rennen zum Geländer, die 4 Kameras pro Person zückend. Und tatsächlich… auf ein „ooooh“ folgte ein „aaaah“ und die Blitzlichter verwandelten das offene Meer in eine Diskothek auf Ibiza. Ich saß‘ einfach nur da. Nicht in der Lage mich irgendwie zu bewegen. So scheiße übel war mir. 3 weitere Signale ertönten in kurzer Zeit und die Hälfte der Touris genoss‘ das Spektakel. Ich genoss‘, wie die 30 anderen vor sich hin erbrachen und ich nicht. Ganz toller Erfolg, Jim. Kannst stolz auf dich sein.

Letztendlich hatte ich es von vier Möglichkeiten – echt beschämend – nur ein einziges Mal geschafft, ans Geländer zu rennen und dort die Flosse eines Schweinswals zu erblicken. Und dazu – ich habe nur ein einziges Foto an diesem Tag gemacht. Und das kurz nachdem das Boot losgefahren ist.

Hier das Foto des Tages:

(Nicht verwirren lassen von dem Namen des Bootes, die Stadt Reine war weiterhin unfassbar weit von mir entfernt.)

Wieder an Land war ich leicht genervt. Tolle Bootsfahrt. Zum Sparpreis von 90€. Scheiß Wale.

Mithilfe von Google und vermutlich 38€ Datenroaming-Gebühren machte ich den Weg 20 Kilometer Richtung Süden aus. Dort werde ich mein Zelt aufschlagen. Die erste Nacht in der Natur. Ganz alleine. Irgendwo in Norwegen. Das wird den Tag heute entschädigen. Immer noch leicht benommen von 6 Stunden Übelkeit und dem Anblick kotzender Menschen machte ich mich auf den Weg. Zu Fuß. Kann mich nicht entsinnen, schon einmal 20 Kilometer zu Fuß gelaufen zu sein. Vor allem nicht mit Rucksack, der 25kg in meinen Rücken drückt. Aber ich werde ankommen… und das Abenteuer ist noch nicht zu Ende… !

Liebe Grüße,

Jim

15 Kommentare zu „Kapitel 5: Kotzen zum Sparpreis von 90€ | Abenteuer Norwegen

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  1. Das hört sich nach einem eher weniger geilen Abenteuer an. Aber kannst stolz auf dich sein, ich hab die letzte Fahrt über ein stürmendes Meer nicht ohne kotzen geschafft… Und immerhin hast du einen Wal gesehen (ein auch nicht fotografiert). So ist das halt mit den Abenteuern, die sind nicht immer so fotogen 😉 Weiterhin viel Spaß in Norwegen!

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  2. Ach ja, wahre Einsamkeit, Natur, und Abenteuer sind so hart zu finden in dieser Welt… egal wo du bist, die laute deutsche Reisegruppe aus Untertupfing ist nicht fern. Gleich bei den superteuren „musthave“ Touren… herrlich wars wieder. Danke Jim!

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  3. Tut mir Leid, das jetzt sagen zu müssen, aber ich habe mich über diesen Post köstlich amüsiert! Konnte mir es wirklich bildlich vorstellen, wie es sich auf dem Boot abgespielt haben muss..
    Ärger dich nicht, dass du kein Foto schießen konntest – immerhin hast du einen gesehen! Das ist doch auch ne ganze Menge wert 🙂

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    1. Das ist schon okay dass du das sagst, im Nachhinein finde ich das Ganze ja auch relativ lustig, also danke dir für das Kompliment! 🙂 Du hast schon Recht, zwar nur eine Flosse, aber besser als nix 🙂

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  4. Hach ja! Das ist wieder mal ein absolut großartiger Bericht. Ich hab die ganze Tragik des Tages mit durchlebt 😉 und was musste ich wieder lachen… Genial! Und trotzdem schade das es nicht zu mehr Walbildern reichte. Hätte ich gern gesehen… Aber wem sag ich das 😉 ?!?!

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    1. Ich danke dir, genau deswegen schreibe ich, Zweck erfüllt 😉 Bin echt glücklich über Kommentare von dir und dass du weiterhin dran bleibst!
      Haha ja stimmt, sind wir wohl beide ein wenig enttäuscht, wollte unbedingt auch mein eigenes Foto einer im Sonnenlicht schimmernden Pottwalflosse, aber nun gut, dann halt ein anderes Mal :))

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    1. Nein, das war mir nicht bewusst, aber danke für die Info! 🙂 Dann kann ich mit gutem Gewissen sagen, dass ich mit aller Macht dagegen angekämpft habe, die Königin zu bekotzen… im Gegensatz zu den „unverschämten“ anderen Touristen, haha 🙂

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  5. Touristen….wie ich sie liebe!! Es ist erschreckend, was der Tourismus alles mit einst traumhaften Orten anstellen kann (s. Koh Phi Phi, Bali…). Er verdrängt nicht nur die Einzigartigkeit der Städte/Länder, sondern besonders deren Authentizität.
    Aber durch solche Erlebnisse muss wohl jeder Reisende mal durch…und letztendlich ist man selber, so weh es auch tut, auch nur ein Tourist 😦

    LG, Lea

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    1. Die erste Bergbesteigung von der ich erzählt habe, das war so ein Moment, da war einfach niemand und nichts, kilometerweit, soweit das Auge reicht und kein einziges Geräusch, das nicht zur reinen Natur passen würde. Genau für solche Erlebnisse, wenn auch ein klein wenig beängstigend weil einfach nicht gewohnt, bin ich zu dieser Reise aufgebrochen 🙂

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